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Der Text beleuchtet Konflikte aus einer modernen psychologischen und neurowissenschaftlichen Perspektive. Er zeigt, dass Konflikte meist nicht auf unvereinbaren Positionen basieren, sondern auf dahinterliegenden Interessen, Bedürfnissen oder Zielkonflikten. Statt starr auf Sieg oder Niederlage zu setzen, lohnt sich der Blick auf die wahren Motive hinter dem Verhalten. Dabei wird auch mit dem überholten Mythos des „Reptiliengehirns“ aufgeräumt: Stress und Emotionen schalten das rationale Denken nicht einfach ab, sondern greifen komplex ineinander. Ein strukturierter Dreischritt aus Interessenanalyse, Selbstreflexion und Priorisierung hilft dabei, Konflikte konstruktiv zu betrachten und neue Lösungsräume zu öffnen.

Konflikte verstehen und lösen: Wie Interessen statt Positionen helfen

Erfahren Sie, warum Konflikte oft auf konkurrierenden Zielen basieren, wie Sie Interessen von Positionen trennen und Konflikte psychologisch fundiert bewältigen.

Konflikte beginnen dort, wo Ziele aufeinanderprallen

Ein Konflikt entsteht, wenn Wünsche, Interessen, Bedürfnisse, Werte oder Ziele miteinander unvereinbar erscheinen. Das kann zwischen zwei Menschen geschehen, zwischen Gruppen oder Institutionen, aber ebenso innerhalb einer einzigen Person.

Schon diese einfache Beobachtung verändert den Blick auf Konflikte. Denn hinter einem Streit über eine konkrete Handlung stehen häufig unterschiedliche Vorstellungen darüber, was erreicht werden soll. Die sichtbare Auseinandersetzung ist dann nur die Oberfläche. Darunter liegen Motive, Erwartungen und Prioritäten.

Ein Mensch möchte beispielsweise Ruhe, während ein anderer Austausch sucht. Einer möchte Sicherheit, der andere Veränderung. Einer möchte kurzfristige Entlastung, während der andere langfristige Vorteile anstrebt. Beide können dabei aus ihrer jeweiligen Perspektive vernünftig handeln und trotzdem miteinander in Konflikt geraten.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wer hat recht? Sie lautet zunächst: Was versucht jeder Beteiligte eigentlich zu erreichen?

Diese Frage führt weg vom bloßen Kampf um Positionen und hin zu den Interessen, die hinter diesen Positionen liegen. Genau darin liegt eine der wichtigsten Möglichkeiten, Konflikte neu zu betrachten.

Konflikt bedeutet nicht zwangsläufig Sieg oder Niederlage

Ein verbreitetes Bild beschreibt Konflikte als Nullsummenspiel: Wenn eine Seite gewinnt, muss die andere verlieren. Dieses Bild ist in manchen Situationen zutreffend. Wenn zwei Menschen beispielsweise dasselbe unteilbare Gut beanspruchen und keine alternative Lösung existiert, kann ein Interessengegensatz tatsächlich nicht vollständig aufgelöst werden.

Doch viele Konflikte sind komplizierter. Häufig sind die ursprünglichen Positionen unvereinbar, während die dahinterliegenden Interessen durchaus miteinander vereinbar sein können.

Die entscheidende Frage ist daher nicht immer: Wer setzt sich durch? Manchmal lautet die produktivere Frage: Welche unterschiedlichen Interessen liegen hinter unseren gegensätzlichen Forderungen?

Aus dieser Perspektive wird ein Konflikt zu einer Erkenntnisaufgabe. Beide Seiten müssen zunächst verstehen, was sie selbst wollen und warum sie es wollen. Danach kann untersucht werden, was die andere Seite tatsächlich erreichen möchte.

Das bedeutet nicht, dass jeder Konflikt lösbar ist. Es bedeutet lediglich, dass ein Konflikt nicht vorschnell als Kampf zweier unvereinbarer Positionen verstanden werden sollte.

Motivation ist mehr als ein Mangel, der beseitigt werden soll

Menschen handeln zielgerichtet. Sie verfolgen Ziele, reagieren auf Anreize, versuchen Bedürfnisse zu befriedigen, vermeiden unangenehme Zustände und orientieren sich an persönlichen Werten. Motivation ist deshalb keine einfache Kraft, die von einem Mangel zum Ziel führt.

Ein Mensch kann essen, weil er hungrig ist. Er kann aber ebenso essen, weil ihm etwas schmeckt, weil Essen mit sozialen Beziehungen verbunden ist, weil es Gewohnheit geworden ist oder weil es ihm emotionale Sicherheit vermittelt. Ein Mensch kann arbeiten, um Geld zu verdienen, aber auch aus Interesse, Verantwortungsgefühl, Anerkennung, Zugehörigkeit oder dem Wunsch nach persönlicher Entwicklung.

Moderne Motivationsforschung unterscheidet deshalb verschiedene Formen und Quellen von Motivation. Besonders bedeutsam sind unter anderem Autonomie, Kompetenz und soziale Verbundenheit. Menschen können eine Handlung aus eigenem Interesse ausführen oder weil sie einen äußeren Zweck verfolgen, den sie mehr oder weniger stark als ihren eigenen anerkennen.

Damit wird deutlich: Ein bestimmtes Verhalten lässt nicht eindeutig auf ein bestimmtes Motiv schließen.

Dasselbe Verhalten kann bei verschiedenen Menschen völlig unterschiedliche Gründe haben. Zwei Personen können beispielsweise dasselbe Ziel verfolgen, aber aus vollkommen unterschiedlichen Motiven. Umgekehrt können zwei Menschen dasselbe Verhalten zeigen, obwohl ihre Ziele gegensätzlich sind.

Warum Ziele miteinander in Konflikt geraten

Menschen verfolgen selten nur ein einziges Ziel. Im Alltag müssen zahlreiche Ziele gleichzeitig berücksichtigt werden. Wir wollen gesund leben und genießen. Wir wollen Sicherheit und Freiheit. Wir wollen Leistung erbringen und zugleich Erholung. Wir wollen anderen helfen und unsere eigenen Grenzen schützen.

Solche Zielkonflikte sind kein außergewöhnlicher Fehler des menschlichen Denkens. Sie gehören zum normalen menschlichen Handeln.

Problematisch wird ein Zielkonflikt vor allem dann, wenn die Verwirklichung eines Ziels die Verwirklichung eines anderen unmittelbar erschwert.

Ein einfaches Beispiel ist der Wunsch, eine bestimmte Gewohnheit zu verändern, während gleichzeitig ein starkes Bedürfnis nach kurzfristiger Belohnung besteht. Beide Ziele können für dieselbe Person bedeutsam sein. Deshalb genügt es häufig nicht, einfach mehr Willenskraft zu verlangen.

Die interessantere Frage lautet:

Welche Bedürfnisse und Ziele stehen tatsächlich miteinander im Wettbewerb – und sind sie wirklich so unvereinbar, wie es zunächst scheint?

Die moderne Forschung zu multiplen Zielen zeigt, dass Zielkonflikte unterschiedlich strukturiert sein können. Es geht nicht immer nur um zwei Ziele, die sich gegenseitig ausschließen. Häufig existiert ein ganzes Netzwerk miteinander verbundener Ziele, Prioritäten und Handlungsoptionen.

Frustration verändert unsere Reaktion auf Konflikte

Wenn ein wichtiges Ziel blockiert wird, kann Frustration entstehen. Je stärker ein Mensch eine Situation als Behinderung eines wichtigen Vorhabens erlebt, desto stärker kann die emotionale Reaktion ausfallen.

Frustration kann unter bestimmten Bedingungen Ärger und aggressive Impulse verstärken. Daraus folgt jedoch nicht, dass Frustration zwangsläufig zu Aggression führt. Entscheidend sind unter anderem die Bedeutung des blockierten Ziels, die Interpretation der Situation, individuelle Unterschiede und die verfügbaren Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen.

Auch Stress wirkt nicht nach einem einfachen Schema. Starker oder unkontrollierbarer Stress kann Prozesse wie Arbeitsgedächtnis und kognitive Kontrolle beeinträchtigen. Gleichzeitig kann akuter Stress unter bestimmten Bedingungen Aufmerksamkeit oder bestimmte Formen der kognitiven Kontrolle sogar unterstützen.

Deshalb ist die Vorstellung zu einfach, Stress schalte den Menschen grundsätzlich vom rationalen Denken auf ein primitives biologisches Programm um.

Die wissenschaftlich angemessenere Beschreibung lautet: Emotion, Stress und kognitive Kontrolle beeinflussen sich gegenseitig. Das menschliche Gehirn besteht nicht aus getrennten „alten“ und „neuen“ Gehirnen, zwischen denen bei Gefahr einfach umgeschaltet wird.

Warum das Bild vom „Reptiliengehirn“ nicht mehr genügt

Das populäre Bild eines „Reptiliengehirns“, das bei Gefahr die Kontrolle übernimmt, ist eingängig. Als wissenschaftliche Beschreibung des menschlichen Gehirns ist es jedoch überholt.

Moderne Neurowissenschaft betrachtet emotionale, körperliche und kognitive Prozesse als eng miteinander verbundene Systeme. Es gibt kein einzelnes primitives Gehirn innerhalb des Menschen, das bei Stress die Kontrolle übernimmt und anschließend das „Denkhirn“ abschaltet.

Das bedeutet nicht, dass starke Emotionen unser Denken nicht beeinflussen. Im Gegenteil: Stress und hohe emotionale Erregung können die Fähigkeit beeinträchtigen, Informationen im Arbeitsgedächtnis zu halten, Alternativen abzuwägen oder langfristige Konsequenzen zu berücksichtigen.

Aber die Erklärung ist komplexer als ein Umschalten zwischen zwei Gehirnen.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil eine schlechte Erklärung zwar anschaulich sein kann, aber dennoch zu falschen Schlussfolgerungen führt. Wer sein eigenes Verhalten verstehen will, braucht kein vermeintliches „Reptil“ als Erklärung. Es genügt zunächst, nach Situation, Emotion, Wahrnehmung, Ziel, Bedürfnis und Handlung zu fragen.

Vom Verhalten zurück zum Motiv

Eine hilfreiche Denkbewegung besteht darin, das eigene Verhalten nicht als Endpunkt, sondern als Hinweis zu betrachten.

Wer beispielsweise bemerkt, dass er in bestimmten Situationen unverhältnismäßig heftig reagiert, kann sich fragen:

  • Was ist unmittelbar vor meiner Reaktion geschehen?
  • Was habe ich in diesem Moment als bedroht oder gefährdet wahrgenommen?
  • Was wollte ich erreichen?
  • Welche Erwartung wurde enttäuscht?
  • Welches Bedürfnis könnte hinter meiner Reaktion stehen?
  • Welche andere Handlung hätte dasselbe Bedürfnis möglicherweise besser berücksichtigt?

Diese Fragen sind keine Garantie dafür, ein verborgenes „wahres Motiv“ zu entdecken. Menschen können ihre eigenen Beweggründe nur begrenzt transparent beobachten. Selbstreflexion ist deshalb eine Annäherung, keine automatische Enthüllung des Unterbewusstseins.

Gerade darin liegt aber ihr Wert: Sie schafft einen Abstand zwischen dem spontanen Verhalten und der nachträglichen Bewertung dieses Verhaltens.

Wer sein Verhalten verstehen will, sollte nicht nur fragen: „Was habe ich getan?“ Sondern auch: „Was wollte ich damit erreichen?“

Der erste Schritt: Beide Seiten des Konflikts analysieren

Bei einem inneren Konflikt beginnt die Analyse mit einer möglichst genauen Beschreibung der beteiligten Ziele.

Statt lediglich zu sagen: „Ein Teil von mir will das eine, der andere Teil will das Gegenteil“, sollte man genauer untersuchen, welche Bedürfnisse und Erwartungen tatsächlich dahinterstehen.

  • Situation: Was geschieht konkret?
  • Verhalten: Was tue ich tatsächlich?
  • Ziel: Was möchte ich erreichen?
  • Bedürfnis oder Interesse: Warum ist dieses Ziel für mich wichtig?
  • Erwartete Wirkung: Was glaube ich, durch mein Verhalten zu gewinnen oder zu vermeiden?

Eine solche Analyse kann Überraschungen hervorbringen. Ein Mensch kann beispielsweise glauben, er wolle eine bestimmte Leistung erbringen, während für ihn in Wirklichkeit Anerkennung, Sicherheit oder die Vermeidung von Kritik wichtiger ist.

Die Analyse sollte deshalb nicht mit der ersten plausiblen Erklärung beendet werden.

Der zweite Schritt: Die eigenen Erklärungen hinterfragen

Der nächste Schritt besteht darin, die eigene Interpretation kritisch zu prüfen.

Wir wissen nicht immer, warum wir etwas tun. Häufig erklären wir unser Verhalten erst im Nachhinein. Dabei können wir uns selbst überzeugende Gründe liefern, die nur einen Teil der tatsächlichen Motivation erfassen.

Eine ernsthafte Selbstanalyse fragt deshalb nicht nur: „Was ist mein Motiv?“, sondern auch: „Woran erkenne ich, dass dieses Motiv tatsächlich mein Verhalten erklärt?“

Ebenso wichtig ist die Frage, ob das eigene Verhalten überhaupt geeignet ist, das angestrebte Ziel zu erreichen.

Wer beispielsweise laut wird, weil er respektvoll behandelt werden möchte, sollte sich fragen, ob Lautstärke tatsächlich die Wahrscheinlichkeit erhöht, respektvoll behandelt zu werden. Wer Kontrolle sucht, kann untersuchen, ob sein Kontrollverhalten tatsächlich Sicherheit schafft oder möglicherweise genau jene Unsicherheit verstärkt, die er vermeiden wollte.

Damit entsteht eine wichtige Unterscheidung zwischen beabsichtigtem Zweck und tatsächlicher Wirkung.

Eine Handlung kann aus einem nachvollziehbaren Motiv entstehen und dennoch ein ungeeignetes Mittel sein.

Der dritte Schritt: Prioritäten neu bewerten

Wenn zwei Ziele tatsächlich miteinander konkurrieren, muss nicht zwangsläufig sofort entschieden werden, welches Ziel „richtig“ und welches „falsch“ ist.

Zunächst kann gefragt werden, welchen Wert jedes Ziel besitzt, welche Konsequenzen mit seiner Verwirklichung verbunden sind und welche Kosten entstehen, wenn man es nicht verfolgt.

Die bekannte Vorstellung einer Waage kann dabei als Denkmodell dienen. Auf die eine Seite kommt das eine Ziel, auf die andere das konkurrierende Ziel. Entscheidend ist nicht, eine objektive mathematische Zahl zu finden. Entscheidend ist, die bisher vielleicht unbewusste Gewichtung bewusst zu machen.

Dabei können neue Fragen entstehen:

  • Welches Ziel ist mir langfristig wichtiger?
  • Welches Ziel entspricht meinen grundlegenden Werten?
  • Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen?
  • Welche kurzfristige Belohnung steht einem langfristigen Vorteil gegenüber?
  • Gibt es eine dritte Möglichkeit, die bisher übersehen wurde?

Gerade die letzte Frage ist entscheidend. Ein Zielkonflikt muss nicht immer durch eine Entscheidung zwischen zwei Extremen gelöst werden.

Die dritte Möglichkeit: Nicht zwischen zwei Positionen wählen, sondern das Problem neu formulieren

Ein Konflikt wirkt besonders unlösbar, wenn beide Seiten nur ihre ursprünglichen Positionen betrachten.

„Ich will A.“

„Ich will B.“

Wenn A und B tatsächlich unvereinbar sind, scheint nur ein Sieg einer Seite möglich. Doch hinter A und B können unterschiedliche Interessen liegen.

Eine Person fordert beispielsweise Ruhe, weil sie sich konzentrieren muss. Eine andere verlangt Unterhaltung, weil sie sich einsam fühlt. Die Forderungen stehen scheinbar gegeneinander. Die dahinterliegenden Interessen müssen es nicht tun.

Die Lösung eines Konflikts beginnt häufig dort, wo die Beteiligten aufhören, ausschließlich über ihre Forderungen zu sprechen, und anfangen, über deren Gründe zu sprechen.

Damit wird aus der Frage „Wer bekommt seinen Willen?“ die Frage „Welche Lösung berücksichtigt die wichtigsten Interessen beider Seiten?“

Das kann zu einer völlig neuen Handlungsoption führen.

Konflikte zwischen Menschen: Interessen statt Positionen

Bei zwischenmenschlichen Konflikten ist die Analyse schwieriger, weil die Motive der anderen Person nicht unmittelbar zugänglich sind.

Genau hier liegt eine der größten Gefahren: Wir neigen dazu, von unserem eigenen Motiv auf das Motiv des anderen zu schließen.

Wenn uns eine bestimmte Handlung offensichtlich erscheint, nehmen wir leicht an, dass sie für den anderen dieselbe Bedeutung besitzt. Das muss nicht zutreffen.

Deshalb sollte man zwischen Beobachtung, Interpretation und Motivannahme unterscheiden.

  • Was hat die andere Person tatsächlich getan?
  • Was habe ich dabei beobachtet?
  • Was interpretiere ich in dieses Verhalten hinein?
  • Welche anderen Erklärungen sind möglich?
  • Welche Frage könnte helfen, die tatsächlichen Interessen zu verstehen?

Eine solche Haltung bedeutet nicht, jedes Verhalten zu entschuldigen. Verstehen und gutheißen sind zwei verschiedene Dinge.

Wer die Motive eines anderen verstehen möchte, muss nicht mit ihnen einverstanden sein. Verständnis schafft zunächst lediglich eine bessere Informationsgrundlage für die weitere Entscheidung.

Fragen können einen Konflikt verändern

Gute Fragen sind in Konflikten oft wirkungsvoller als Gegenargumente.

Wer ausschließlich argumentiert, zwingt den anderen häufig dazu, die eigene Position zu verteidigen. Wer dagegen nach Interessen fragt, eröffnet einen Denkraum.

Beispiele für solche Fragen sind:

  • Was genau ist dir an diesem Ergebnis wichtig?
  • Was möchtest du damit erreichen?
  • Was würde sich für dich verbessern, wenn dein Wunsch erfüllt wäre?
  • Welche Konsequenz möchtest du unbedingt vermeiden?
  • Gibt es eine andere Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen?
  • Welche deiner Interessen sind verhandelbar und welche nicht?

Diese Fragen funktionieren allerdings nur, wenn sie ernst gemeint sind. Wer lediglich eine Gesprächstechnik verwendet, um den anderen anschließend zu manipulieren, wird vermutlich Misstrauen erzeugen.

Konfliktlösung verlangt daher nicht nur analytisches Denken, sondern auch die Bereitschaft, die eigene Position überprüfen zu lassen.

Wenn beide Seiten wirklich zuhören

Eine konstruktive Konfliktklärung ist keine Einbahnstraße. Nicht nur die andere Seite soll ihre Motive erklären. Auch die eigene Position muss überprüfbar bleiben.

Wer fordert: „Du musst verstehen, warum ich das möchte“, sollte bereit sein, dieselbe Frage auch an sich selbst zu stellen.

Das führt zu einer anspruchsvollen Form des Dialogs:

  • Ich erkläre, was ich erreichen möchte.
  • Du erklärst, was du erreichen möchtest.
  • Wir prüfen, welche Interessen tatsächlich miteinander kollidieren.
  • Wir suchen nach Interessen, die gleichzeitig berücksichtigt werden können.
  • Wir prüfen verschiedene Lösungsvarianten.
  • Wir bewerten die Konsequenzen und entscheiden anschließend.

Das Ziel ist nicht zwangsläufig Harmonie. Ein guter Konfliktprozess kann auch zu dem Ergebnis führen, dass ein echter Interessengegensatz bestehen bleibt.

Dann besteht die Aufgabe darin, diesen Gegensatz möglichst klar, fair und ohne unnötige Eskalation zu behandeln.

Wann eine Konfliktlösung nicht möglich ist

Nicht jeder Konflikt lässt sich durch bessere Kommunikation auflösen.

Manchmal sind Interessen tatsächlich unvereinbar. Manchmal sind Ressourcen begrenzt. Manchmal besitzt eine Seite Ansprüche, die die andere Seite nicht akzeptieren kann. Und manchmal besteht ein Konflikt nicht deshalb fort, weil die Beteiligten ihre Motive noch nicht ausreichend analysiert haben, sondern weil grundlegende Werte oder Interessen miteinander kollidieren.

Auch Machtverhältnisse spielen eine Rolle. Wer mehr Ressourcen, Autorität oder Einfluss besitzt, kann seine Interessen unter Umständen gegen den Willen anderer durchsetzen.

Deshalb wäre es falsch, jede Konfliktlösung allein als psychologische Aufgabe zu betrachten.

Konflikte können gleichzeitig psychologische, soziale, wirtschaftliche, rechtliche und institutionelle Dimensionen besitzen.

Was aus der ursprünglichen Dreischritt-Idee erhalten bleibt

Die Grundidee einer dreistufigen Vorgehensweise lässt sich dennoch sinnvoll bewahren, wenn sie wissenschaftlich vorsichtiger formuliert wird.

1. Interessen sichtbar machen

Welche Ziele, Bedürfnisse, Werte und Erwartungen stehen hinter dem beobachtbaren Verhalten? Welche davon gehören zu mir und welche vermute ich lediglich bei anderen?

2. Annahmen überprüfen

Sind die angenommenen Motive tatsächlich plausibel? Welche Belege sprechen dafür? Welche alternativen Erklärungen gibt es? Erreicht das bisherige Verhalten überhaupt das angestrebte Ziel?

3. Prioritäten und Möglichkeiten neu ordnen

Welche Ziele sind langfristig wichtig? Welche Interessen lassen sich miteinander verbinden? Welche Zielkonflikte bleiben bestehen? Welche dritte Möglichkeit wurde bisher übersehen?

Diese drei Schritte sind keine universelle Therapie und keine Garantie für eine konfliktfreie Zukunft. Sie sind vielmehr ein Werkzeug zur strukturierten Reflexion.

Der eigentliche Gewinn liegt nicht immer in der Einigung

Die Vorstellung einer erfolgreichen Konfliktlösung wird häufig mit einem Ergebnis verbunden, bei dem beide Seiten zufrieden sind. Solche Lösungen sind möglich und in vielen Verhandlungen besonders wertvoll. Sie sind jedoch nicht garantiert.

Manchmal besteht der wichtigste Gewinn zunächst darin, den Konflikt klarer zu verstehen.

Vielleicht entdeckt eine Person, dass sie bisher für ein Ziel gekämpft hat, das ihr gar nicht mehr wichtig ist. Vielleicht erkennt sie, dass hinter einer scheinbaren Sachfrage ein Bedürfnis nach Anerkennung steht. Vielleicht wird sichtbar, dass zwei Menschen gar nicht dasselbe wollen, obwohl sie über dasselbe Thema streiten.

Solche Erkenntnisse verändern die Qualität einer Entscheidung.

Eine Konfliktlösung muss nicht immer darin bestehen, dass beide Seiten dasselbe bekommen. Manchmal besteht sie darin, dass beide Seiten endlich verstehen, worüber sie tatsächlich unterschiedlicher Meinung sind.

Konfliktfähigkeit bedeutet, zwischen Impuls und Handlung Raum zu schaffen

Der vielleicht wichtigste Gedanke liegt deshalb nicht in einer bestimmten Technik, sondern in einer Haltung.

Zwischen einem inneren Impuls und einer Handlung kann ein Moment der Prüfung entstehen. Zwischen einer Äußerung des anderen und unserer Antwort kann eine Frage stehen. Zwischen einer Forderung und einer Gegenforderung kann die Suche nach dem dahinterliegenden Interesse treten.

Dieser Zwischenraum ist klein, aber bedeutsam.

Er ermöglicht es, nicht jede Bedrohung als Angriff zu behandeln, nicht jede Meinungsverschiedenheit als Kampf und nicht jede Niederlage als persönliche Kränkung zu interpretieren.

Wer diesen Raum nutzen kann, gewinnt nicht automatisch jeden Konflikt. Aber er gewinnt etwas anderes: die Möglichkeit, bewusster zu entscheiden, wie er mit einem Konflikt umgehen will.

Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage nicht, wie wir Konflikte vollständig vermeiden können.

Konflikte gehören zum menschlichen Zusammenleben und ebenso zum menschlichen Denken.

Die interessantere Frage lautet:

Was können wir über uns selbst und über andere lernen, wenn wir einen Konflikt nicht sofort gewinnen wollen, sondern zunächst verstehen wollen, warum er überhaupt entstanden ist?


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