Was ist ein Gedanke wert, den niemand lesen will? – Nachfrage, Vergütung und gesellschaftlicher Wert

Was ist ein Inhalt wert, wenn ihn kaum jemand liest? Ein nachfrageorientiertes Vergütungssystem kann Aufmerksamkeit präzise messen, aber misst es damit auch Qualität, gesellschaftlichen Nutzen oder langfristige Bedeutung? Ein philosophischer Artikel kann heute nur wenige Leser erreichen und dennoch in zwanzig Jahren wertvoll sein, während ein spektakuläres Unfallvideo Millionen Klicks erhält und kurz darauf vergessen ist. Der Essay fragt, ob ein Vergütungssystem, das ausschließlich der Nachfrage folgt, nicht selbst beeinflusst, welche Inhalte künftig entstehen. Wenn Aufmerksamkeit besser bezahlt wird als sorgfältige, aber wenig nachgefragte Arbeit, könnte ein Kreislauf entstehen, in dem erfolgreiche Inhalte immer stärker produziert werden, während anspruchsvolle oder langfristig relevante Themen verschwinden. Vielleicht liegt die Herausforderung deshalb nicht darin, Nachfrage als Maßstab abzuschaffen, sondern sie mit anderen Formen von Wert zu verbinden.

Was ist ein Gedanke wert, den niemand lesen will?

Was ist ein Inhalt wert?

Die Frage scheint zunächst einfach. Ein Inhalt wird gelesen, angesehen, geteilt oder gekauft. Je größer die Nachfrage, desto größer scheint sein Wert zu sein. Ein Markt kann diese Nachfrage erstaunlich präzise messen: Aufrufe, Verweildauer, Verkäufe, Abonnements, Empfehlungen.

Aber misst er damit tatsächlich den Wert eines Inhalts?

Ein Markt kann Nachfrage sehr gut messen. Aber folgt daraus, dass er auch gesellschaftlichen Wert gut messen kann?

Vielleicht lohnt es sich, diese beiden Begriffe voneinander zu trennen.

Wenn Erfolg zum Maßstab wird

Stellen wir uns zwei Autoren vor. Beide investieren denselben Aufwand. Beide recherchieren sorgfältig, prüfen ihre Quellen und versuchen, einen fundierten und gut geschriebenen Text zu erstellen.

Der eine schreibt über eine philosophische Frage. Der andere veröffentlicht einen Beitrag über spektakuläre Dash-Cam-Aufnahmen eines Unfalls im dichten Nebel.

Der philosophische Text wird von einigen hundert Menschen gelesen. Der andere Beitrag erreicht eine Million Aufrufe.

Wenn die Vergütung ausschließlich oder überwiegend an der Nachfrage hängt, erscheint die unterschiedliche Bezahlung zunächst gerecht. Der eine Inhalt hat schließlich sehr viel mehr Menschen erreicht. Warum sollte sein Autor nicht auch entsprechend stärker vergütet werden?

Doch was wurde tatsächlich gemessen?

Die Million Aufrufe zeigen, dass eine Million Menschen den Beitrag gesehen haben. Sie messen Aufmerksamkeit und Nutzung. Vielleicht auch Neugier oder Unterhaltung.

Aber messen sie Erkenntnis? Qualität? Bildung? gesellschaftlichen Nutzen?

Und was sagt die geringe Zahl der Leser über den philosophischen Text aus?

Der Wert eines Klicks

Ein Klick ist eine erstaunlich eindeutige Größe. Entweder jemand hat geklickt oder nicht. Das macht ihn für ein Vergütungssystem attraktiv.

Doch gerade seine Einfachheit könnte zum Problem werden.

Ein spektakuläres Unfallvideo kann innerhalb eines Tages eine Million Aufrufe erreichen. Vielleicht wird es am nächsten Tag noch einmal hunderttausendfach angesehen. Eine Woche später interessiert es kaum noch jemanden.

Ein sorgfältig ausgearbeiteter philosophischer Text erreicht vielleicht nur hundert Menschen. Einige dieser Menschen denken noch Jahre später darüber nach. Vielleicht greift jemand seine Argumente in einer wissenschaftlichen Arbeit auf. Vielleicht hilft er einem anderen Menschen, eine Frage zu verstehen, die ihn sein ganzes Leben beschäftigt. Vielleicht wird der Text erst in zwanzig Jahren wiederentdeckt.

Wie viele Aufrufe hätte dieser Text dann eigentlich „verdient“?

Und wie sollte man den Wert eines Inhalts messen, dessen wichtigste Wirkung möglicherweise erst lange nach seiner Veröffentlichung entsteht?

Der Wert, der noch nicht sichtbar ist

Hier könnte ein grundlegender Unterschied liegen: Nachfrage ist eine Größe der Gegenwart. Wert kann eine Größe der Zukunft sein.

Wir können heute ziemlich genau feststellen, dass ein Video eine Million Mal angesehen wurde. Wir können aber kaum feststellen, ob ein Gedanke in zwanzig Jahren für eine ganze Generation bedeutsam sein wird.

Vielleicht liegt der Wert eines Textes gerade darin, dass er nicht sofort verstanden wird. Vielleicht verlangt er Zeit, Konzentration oder Vorwissen. Vielleicht beschäftigt er sich mit einer Frage, die nur wenige Menschen heute interessiert, die aber morgen plötzlich wichtig werden kann.

Was geschieht mit solchen Inhalten, wenn ihre geringe unmittelbare Nachfrage als Beweis für ihren geringen Wert interpretiert wird?

Ein System, das sich selbst verändert

Die Sache wird noch interessanter, wenn man nicht nur die einzelne Ausschüttung betrachtet, sondern die langfristigen Folgen der Vergütungslogik.

Wenn bestimmte Inhalte besonders viel Nachfrage erzeugen, werden sie besser vergütet. Wenn sie besser vergütet werden, lohnt es sich stärker, weitere Inhalte dieser Art zu produzieren. Dadurch wächst das Angebot. Das größere Angebot kann wiederum mehr Aufmerksamkeit erzeugen.

So entsteht ein Kreislauf:

Hohe Nachfrage führt zu hoher Vergütung. Hohe Vergütung führt zu mehr Produktion. Mehr Produktion erzeugt mehr Sichtbarkeit und möglicherweise noch mehr Nachfrage.

Das ist zunächst nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Ein solches System kann sehr effizient darin sein, die Wünsche eines Publikums zu bedienen.

Aber was geschieht mit Inhalten, die nicht in diesen Kreislauf gelangen?

Geringe Nachfrage führt zu geringer Vergütung. Geringe Vergütung macht ihre Produktion weniger attraktiv. Wenn weniger solcher Inhalte entstehen, werden sie seltener gefunden. Wenn sie seltener gefunden werden, sinkt möglicherweise ihre Nachfrage weiter.

Kann ein Vergütungssystem auf diese Weise selbst beeinflussen, was eine Gesellschaft künftig zu lesen, zu sehen und zu wissen bekommt?

Der erfolgreiche Autor und der leere Anteil

Nehmen wir einen Autor, der hundert fundierte Artikel schreibt. Jeder einzelne ist sorgfältig recherchiert und mit erheblichem Aufwand erstellt worden. Dennoch beschäftigen sich nur wenige Menschen damit, weil die Themen anspruchsvoll sind und keine unmittelbare Unterhaltung versprechen.

Was passiert, wenn dieser Autor am Ende praktisch keine Vergütung erhält?

Ist damit nur eine einzelne Person benachteiligt?

Oder verlieren wir möglicherweise auch etwas als Gesellschaft?

Denn der Autor könnte irgendwann feststellen, dass sich diese Arbeit nicht lohnt. Vielleicht schreibt er künftig weniger philosophische Texte. Vielleicht produziert er stattdessen Inhalte, die schneller Aufmerksamkeit erzeugen.

Und vielleicht ist das vollkommen rational.

Aber wenn viele Menschen auf dieselbe Weise reagieren, verändert sich das Angebot insgesamt.

Wenn wir nur das belohnen, was bereits Aufmerksamkeit bekommt, welche Inhalte werden dann künftig noch entstehen?

Vielleicht wird die Gesellschaft dadurch nicht „dümmer“. Aber könnte sie auf diese Weise ein Stück ihrer intellektuellen Vielfalt verlieren?

Was wäre gerecht?

Damit stellt sich die schwierigere Frage nach der gerechten Vergütung.

Angenommen, zwei Autoren haben denselben Aufwand betrieben. Einer erreicht eine Million Menschen, der andere nur hundert.

Sollen beide gleich viel bekommen?

Das erscheint möglicherweise ungerecht gegenüber dem erfolgreichen Autor. Sein Werk hat schließlich sehr viel mehr Menschen erreicht.

Aber soll der andere deshalb leer ausgehen?

Auch das erscheint schwer zu begründen. Sein Aufwand, seine Recherche und die Qualität seiner Arbeit sind nicht dadurch verschwunden, dass weniger Menschen darauf aufmerksam geworden sind.

Vielleicht müssen wir deshalb zwei Dinge unterscheiden: die Leistung, einen guten Inhalt zu schaffen, und den Erfolg, den dieser Inhalt beim Publikum hat.

Ist Erfolg dasselbe wie Leistung – oder nur eine mögliche Folge von Leistung?

Eine andere Vorstellung von Vergütung

Vielleicht müsste ein gerechteres System deshalb nicht zwischen „gleich viel für alle“ und „alles nach Nachfrage“ wählen.

Es könnte beides berücksichtigen.

Ein Teil der verfügbaren Vergütung könnte die Erstellung eines qualifizierten Beitrags anerkennen. Ein anderer Teil könnte sich an seiner tatsächlichen Nutzung orientieren.

Der erfolgreiche Inhalt würde weiterhin stärker vergütet. Nachfrage bliebe ein wichtiger Anreiz. Aber ein wenig nachgefragter Inhalt würde nicht automatisch wertlos.

Das wäre keine Behauptung, dass jeder Inhalt gleich wertvoll sei. Es wäre lediglich die Anerkennung, dass Nachfrage nur eine von mehreren möglichen Dimensionen von Wert ist.

Aber wer entscheidet über den Wert?

Damit entsteht sofort das nächste Problem.

Wenn Nachfrage kein ausreichender Maßstab ist, wer soll dann entscheiden, was wertvoll ist?

Soll eine Kommission festlegen, welche Inhalte gesellschaftlich relevant sind? Soll ein Algorithmus Qualität bewerten? Soll die wissenschaftliche Rezeption zählen? Sollen Leser abstimmen? Oder sollte man überhaupt darauf verzichten, einen schwer messbaren „gesellschaftlichen Wert“ bestimmen zu wollen?

Denn auch ein System, das Wert beurteilen möchte, kann sich irren.

Vielleicht ist der philosophische Artikel tatsächlich belanglos. Vielleicht ist das Unfallvideo für eine Verkehrssicherheitskampagne von großer Bedeutung. Vielleicht wird ein heute kaum beachteter Text in hundert Jahren zu einem wichtigen historischen Dokument.

Wer könnte das heute wissen?

Was soll ein Vergütungssystem fördern?

Vielleicht liegt die entscheidende Frage deshalb nicht darin, den perfekten Maßstab zu finden.

Vielleicht müssen wir zuerst klären, was ein Vergütungssystem überhaupt fördern soll.

Soll es möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugen?

Soll es möglichst viele Menschen erreichen?

Soll es gute Arbeit belohnen?

Soll es Vielfalt erhalten?

Soll es dafür sorgen, dass auch Themen bearbeitet werden, für die es kurzfristig nur wenige Interessierte gibt?

Oder soll es all das gleichzeitig versuchen?

Und wenn diese Ziele miteinander konkurrieren: Wie viel ist uns welches Ziel wert?

Was ist ein Gedanke wert?

Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht, dass ein nachfrageorientiertes System falsch ist. Vielleicht liegt das Problem in der Annahme, dass ein einziger Maßstab für alle Arten von Wert ausreichen könnte.

Die Zahl der Aufrufe ist eine hervorragende Antwort auf die Frage:

„Wie oft wurde dieser Inhalt genutzt?“

Sie ist möglicherweise eine sehr viel schlechtere Antwort auf die Frage:

„Was ist dieser Inhalt wert?“

Vielleicht braucht eine Gesellschaft deshalb neben einem Markt für Aufmerksamkeit auch einen Raum für Inhalte, deren Wert sich nicht sofort in Aufmerksamkeit übersetzen lässt.

Vielleicht ist es vollkommen gerecht, dass ein Inhalt mit einem Millionenpublikum mehr Vergütung erzeugt als ein Inhalt mit hundert Lesern.

Vielleicht ist es aber ungerecht, wenn aus hundert Lesern automatisch null Wert wird.

Und vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung darin, ein System zu finden, in dem beides seinen Platz hat: der Erfolg dessen, was viele Menschen heute wollen, und die Möglichkeit dessen, was wenige Menschen heute lesen, aber viele Menschen morgen brauchen könnten.

Denn vielleicht ist die wichtigste Frage am Ende nicht:

„Wie viel Nachfrage hat dieser Gedanke?“

Sondern:

„Was verlieren wir, wenn niemand mehr bereit ist, ihn zu denken?“