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Dieser Text kritisiert die moderne Kultur der Selbstoptimierung und hinterfragt den Mythos, dass ein positives Mindset oder das Erreichen von Zielen allein über Glück und Erfolg entscheiden. Anhand aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse aus Psychologie und Gesundheitsforschung zeigt der Beitrag, dass äußere Bedingungen, soziale Faktoren und biologische Grenzen oft stärker ins Gewicht fallen als bloße Willenskraft. Statt das gegenwärtige Leben nur als Vorstufe einer besseren Zukunft zu betrachten, plädiert der Text für einen gesunden Ausgleich zwischen bewusstem Gestalten und dem Annehmen des Ist-Zustands. Ein gelungeneres Leben misst sich demnach nicht an permanentem Optimierungsdruck, sondern an persönlichen Werten und echter Achtsamkeit im Hier und Jetzt.

Kritik der Selbstoptimierung: Warum Mindset-Mythen täuschen | Sinnvolles Leben

Erfahren Sie, warum die Kultur der Selbstoptimierung oft scheitert, was die Wissenschaft zu Mindset, Zielen und Krisen sagt und wie ein gelassenerer Umgang mit dem eigenen Leben gelingt.

Was bleibt, wenn das Leben aufhört, eine Übung für später zu sein?

Es gibt einen Gedanken, der in vielen Varianten durch die moderne Kultur der Selbstoptimierung wandert: Wenn du heute nicht zufrieden bist mit dem, was ist, warum sollte sich das ändern, sobald du mehr besitzt, mehr verdienst oder mehr erreicht hast?

Der Gedanke klingt zunächst beinahe selbstverständlich. Und doch steckt darin ein Widerspruch, der weit über die Frage nach Glück hinausreicht. Denn wie lässt sich ein Leben zugleich gestalten und annehmen? Wie kann man Ziele verfolgen, ohne die Gegenwart ständig zu einem bloßen Vorzimmer der Zukunft zu machen?

Vielleicht beginnt die Frage nicht mit dem nächsten Ziel, sondern mit einer viel unbequemeren: Was wäre, wenn unser Leben nicht erst dann beginnt, wenn wir dort angekommen sind, wo wir glauben, ankommen zu müssen?

Diese Frage erhält eine andere Schwere, wenn man Menschen am Ende ihres Lebens begegnet. In der Pflege kann einem immer wieder ein Satz begegnen, der weniger nach medizinischer Bilanz als nach einer Bilanz des eigenen Lebens klingt:

„Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich einiges anders machen.“

Was bedeutet ein solcher Satz eigentlich? Bedauert ein Mensch die falschen Entscheidungen? Die nicht getroffenen Entscheidungen? Oder vielmehr die Vorstellung, dass immer noch Zeit gewesen wäre, später zu beginnen?

Der Tod macht eine merkwürdige Sache mit unseren Prioritäten: Er entfernt die Illusion, dass Zeit unbegrenzt verfügbar sei. Plötzlich wird sichtbar, dass auch das Aufschieben eine Entscheidung ist.

Aber daraus folgt nicht automatisch, dass wir möglichst viel tun, erreichen und erleben müssen. Vielleicht ist gerade das die nächste Frage: Ist ein gelungenes Leben eines, in dem möglichst viele Ziele erreicht wurden – oder eines, in dem die eigenen Entscheidungen mit dem eigenen Verständnis von Bedeutung übereinstimmten?

Wir wissen erstaunlich viel – und handeln trotzdem nicht entsprechend

Über Gesundheit müssen die meisten Menschen heute erstaunlich wenig grundlegend Neues lernen. Bewegung ist wichtig. Ausreichender Schlaf ist wichtig. Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig. Rauchen schadet der Gesundheit. Regelmäßige körperliche Aktivität ist mit zahlreichen gesundheitlichen Vorteilen verbunden. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen unter anderem 150 bis 300 Minuten moderate oder 75 bis 150 Minuten intensive körperliche Aktivität pro Woche sowie Muskelkräftigung an mindestens zwei Tagen. Auch mindestens 400 Gramm Obst und Gemüse pro Tag gehören zu den aktuellen Ernährungsempfehlungen.

Die wissenschaftliche Lage ist dabei wesentlich differenzierter als manche Bühnenformel vermuten lässt. Es gibt keine einzelne magische Menge, nach der Gesundheit beginnt oder endet. Gesundheit ist kein Punkt auf einer Checkliste, sondern das Ergebnis vieler Faktoren: biologischer Voraussetzungen, Verhalten, Umwelt, sozialer Bedingungen und Zufall.

Ähnliches gilt für den Schlaf. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen sehr kurzer Schlafdauer und einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko. Daraus lässt sich jedoch nicht die einfache Aussage ableiten, jeder Mensch, der regelmäßig weniger als sechs Stunden schläft, verliere statistisch genau drei Lebensjahre. Solche Zahlen wirken präzise, obwohl sie die Unsicherheit und die Unterschiede zwischen Menschen verdecken.

Vielleicht liegt genau hier ein grundlegendes Problem unserer Wissenskultur: Wir verwechseln eine wissenschaftlich begründete Wahrscheinlichkeit mit einer persönlichen Gewissheit.

Wir wissen viel. Aber Wissen allein verändert noch kein Verhalten.

Warum eigentlich?

Wenn ein Mensch weiß, dass Bewegung sinnvoll wäre, aber sich trotzdem nicht bewegt, fehlt ihm dann Wissen? Oder fehlt etwas anderes – Zeit, Energie, Motivation, soziale Unterstützung, eine passende Umgebung, eine realistische Strategie oder schlicht die Gelegenheit?

Die Formel „Wir sind Wissensgiganten, aber Umsetzungsdilettanten“ ist rhetorisch stark. Als Erklärung reicht sie allerdings nicht aus. Denn sie legt nahe, dass zwischen Wissen und Handeln lediglich ein persönliches Defizit liegt. Tatsächlich ist Verhalten deutlich komplexer.

Das Versprechen der Selbstoptimierung

Aus dieser Lücke zwischen Wissen und Handeln ist eine ganze Kultur entstanden. Sie verspricht Strategien für Gesundheit, Erfolg, finanzielle Unabhängigkeit, Produktivität und persönliche Entwicklung.

Ihre Grundidee ist verführerisch: Wenn das Leben nicht so ist, wie du es dir wünschst, dann verändere dich. Setze dir Ziele. Entwickle eine Vision. Trainiere deine Fähigkeiten. Arbeite an deinem Denken. Übernimm Verantwortung.

Vieles daran ist plausibel. Zielsetzung kann Verhalten beeinflussen. Eine Meta-Analyse zu Zielsetzungsinterventionen fand einen kleinen positiven Effekt auf Verhaltensänderung; andere Forschung zeigt, dass spezifische und anspruchsvolle Ziele unter bestimmten Bedingungen die Leistung verbessern können.

Aber aus „Ziele können helfen“ wird in der Selbstoptimierung leicht „Du brauchst nur das richtige Ziel“. Und aus „Einstellungen beeinflussen Verhalten“ wird „Dein Mindset bestimmt dein Leben“.

Damit verschiebt sich die Perspektive.

Aus einem Menschen, der versucht, mit begrenzten Ressourcen in einer komplexen Welt zurechtzukommen, wird ein Projekt, das sich selbst optimieren soll.

Und plötzlich stellt sich eine unbequeme Gegenfrage: Was geschieht mit einem Menschen, wenn er selbst für jede Grenze, jedes Scheitern und jede Erschöpfung verantwortlich gemacht wird?

Visionen: Orientierung oder Flucht aus der Gegenwart?

Eine Vision kann Orientierung geben. Ein klares Bild davon, was man langfristig erreichen oder erleben möchte, kann Entscheidungen strukturieren. Wer weiß, worauf er hinarbeitet, kann leichter unterscheiden, was wichtig und was nebensächlich ist.

Doch eine Vision besitzt eine doppelte Natur.

Sie kann eine Richtung anzeigen – und gleichzeitig die Gegenwart entwerten.

Wenn das zukünftige Leben ständig als das eigentlich gute Leben erscheint, wird das gegenwärtige Leben zwangsläufig unvollständig. Dann beginnt eine merkwürdige Grammatik:

  • Wenn ich erst gesünder bin, wird es mir besser gehen.
  • Wenn ich erst genug Geld habe, werde ich frei sein.
  • Wenn ich erst mein Wunschgewicht erreicht habe, werde ich mich wohlfühlen.
  • Wenn ich erst erfolgreich bin, werde ich mich wertvoll fühlen.

Das Problem ist nicht das Ziel. Das Problem entsteht dort, wo das Ziel zur Bedingung für Selbstachtung wird.

Die Forschung zur Dankbarkeit legt nahe, dass entsprechende Interventionen das Wohlbefinden im Durchschnitt leicht verbessern können. Zugleich ist die Befundlage keineswegs so eindeutig, dass man daraus ableiten könnte, Dankbarkeit mache einen Menschen zuverlässig glücklich oder zufrieden. Eine aktuelle Meta-Analyse mit vielen Studien und Teilnehmern fand zwar kleine positive Effekte auf das Wohlbefinden, andere Übersichtsarbeiten weisen jedoch auf gemischte Ergebnisse und methodische Grenzen hin.

Vielleicht ist deshalb eine vorsichtigere Formulierung sinnvoll:

Dankbarkeit ist möglicherweise keine Eintrittskarte zum Glück. Aber sie kann eine andere Perspektive auf das eigene Leben eröffnen.

Und diese Perspektive verändert eine entscheidende Frage: Nicht nur „Was fehlt mir noch?“, sondern auch „Was ist bereits da?“

Das Paradox der Ziele

Ziele sind eigentümliche Instrumente. Sie machen sichtbar, wohin wir wollen. Gleichzeitig markieren sie immer eine Differenz zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll.

Diese Differenz kann produktiv sein. Ohne sie gäbe es keinen Trainingsplan, keine Forschung, keine politischen Reformen, keine persönlichen Veränderungen.

Aber sie kann auch zur permanenten Unzufriedenheit werden.

Ein Ziel sagt implizit: Hier bin ich noch nicht. Das ist als Information nützlich. Es wird erst dann problematisch, wenn daraus die Überzeugung entsteht: Deshalb bin ich noch nicht genug.

Vielleicht besteht die Kunst deshalb nicht darin, keine Ziele zu haben, sondern zwischen Ziel und Selbstwert unterscheiden zu können.

Man kann zehn Kilogramm abnehmen wollen, ohne den gegenwärtigen Körper zu verachten. Man kann finanziell unabhängig werden wollen, ohne das gegenwärtige Leben für wertlos zu erklären. Man kann beruflich wachsen wollen, ohne die eigene Person zum Projekt mit ständigem Verbesserungsbedarf zu machen.

Die Spannung muss nicht aufgelöst werden. Vielleicht muss man lernen, sie auszuhalten.

Der Mythos vom alles bestimmenden Mindset

Kaum ein Begriff ist in der modernen Erfolgswelt so mächtig geworden wie „Mindset“. Die Vorstellung dahinter ist intuitiv: Unsere Überzeugungen beeinflussen unsere Wahrnehmung; unsere Wahrnehmung beeinflusst unsere Entscheidungen; unsere Entscheidungen beeinflussen unser Verhalten.

Das ist plausibel. Aber daraus folgt nicht, dass Denken nahezu beliebig über Lebensverläufe entscheidet.

Besonders deutlich wird das am populären Konzept des „Growth Mindset“, also der Vorstellung, Fähigkeiten seien grundsätzlich entwickelbar. Die Forschung dazu ist interessant, aber keineswegs so eindeutig, wie manche populären Darstellungen nahelegen. Meta-Analysen finden im Durchschnitt kleine Effekte; eine große systematische Untersuchung kam zu dem Schluss, dass viele der ursprünglich berichteten Effekte auf schulische Leistungen durch methodische Probleme und Publikationsverzerrungen überschätzt worden sein könnten.

Das bedeutet nicht, dass Überzeugungen bedeutungslos sind. Es bedeutet etwas Interessanteres: Die Wirkung eines Mindsets hängt offenbar davon ab, in welchem Kontext es auf welche Weise mit Verhalten, Fähigkeiten und äußeren Bedingungen zusammentrifft.

Der Satz „Du musst nur anders denken“ wäre damit nicht falsch, aber unvollständig.

Was wäre, wenn ein Mensch anders denkt, aber weiterhin unter Bedingungen lebt, die seine Handlungsmöglichkeiten stark begrenzen?

Was wäre, wenn nicht nur die innere Einstellung, sondern auch Arbeitsbedingungen, Einkommen, Beziehungen, Gesundheit, Bildung, soziale Herkunft und verfügbare Zeit berücksichtigt werden müssten?

Selbstverantwortung und Kontext schließen einander nicht aus.

Gedanken sind nicht Befehle

Ein weiterer Gedanke verdient besondere Aufmerksamkeit: Wir erleben fortwährend innere Bilder, Erinnerungen, Bewertungen und Selbstgespräche. Manche davon laufen automatisch ab.

Doch auch hier wäre Vorsicht vor zu einfachen Gehirnerzählungen angebracht. Die häufig verbreitete Behauptung, Menschen hätten täglich ungefähr 70.000 Gedanken, lässt sich wissenschaftlich nicht als gesicherte Zahl behandeln. Schon die Frage, was überhaupt als einzelner „Gedanke“ zählt, ist nicht eindeutig.

Wichtiger als eine spektakuläre Zahl ist deshalb eine andere Beobachtung: Wir können nicht jeden mentalen Vorgang bewusst auswählen.

Ein Mensch kann sich vornehmen, nicht an etwas Bestimmtes zu denken, und gerade dadurch stärker damit beschäftigt sein. Aufmerksamkeit ist begrenzt. Gedanken entstehen, bevor wir sie vollständig reflektieren können.

Die interessante Fähigkeit wäre daher nicht, den eigenen Geist vollständig zu kontrollieren. Vielleicht geht es vielmehr darum, einen kleinen Abstand zwischen Wahrnehmung und Reaktion zu schaffen.

Zwischen Reiz und Antwort entsteht dann ein Zwischenraum.

Ein Gedanke taucht auf. Eine Bewertung folgt. Ein Gefühl entsteht. Und vielleicht – nicht immer, aber manchmal – entsteht die Möglichkeit, nicht sofort danach zu handeln.

Das ist eine bescheidenere Vorstellung von mentaler Selbststeuerung. Aber vielleicht gerade deshalb eine realistischere.

Fokus bedeutet nicht, keine Gedanken zu haben

Eine Minute lang nichts zu denken klingt zunächst wie eine einfache Aufgabe. Tatsächlich dürfte sie für viele Menschen vor allem zeigen, wie schnell Aufmerksamkeit wandert.

Der Gedanke an die vergangene Situation. Die Frage, wie lange eine Minute noch dauert. Der nächste Termin. Hunger. Langeweile. Ein Geräusch.

Doch muss das Ziel wirklich sein, keine Gedanken zu haben?

Für Meditation und Achtsamkeit spricht die Forschung eher für eine andere Beschreibung: Es geht darum, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung zu beobachten und mit ihnen anders umzugehen. Meta-Analysen finden je nach Intervention und Vergleichsgruppe kleine bis moderate Effekte auf bestimmte kognitive Funktionen; zugleich sind die Ergebnisse heterogen und nicht jede Form des Achtsamkeitstrainings verbessert automatisch Aufmerksamkeit oder Gedächtnis.

Vielleicht besteht Fokus deshalb weniger darin, einen leeren Kopf zu erzeugen, als darin, zu bemerken, wohin der eigene Kopf gerade gegangen ist.

Dann verändert sich auch die Bedeutung von „im Moment sein“. Es bedeutet nicht, niemals an morgen zu denken. Es bedeutet, zu erkennen, wann das Denken über morgen verhindert, dass man überhaupt wahrnimmt, was heute geschieht.

Fehler, Krisen und die gefährliche Romantik des Scheiterns

In der Erfolgsliteratur gehört inzwischen eine andere These zum festen Repertoire: Fehler seien notwendig, Krisen seien Chancen und Scheitern sei ein unverzichtbarer Bestandteil des Erfolgs.

Auch darin steckt ein wahrer Kern. Aus Fehlern kann gelernt werden. Rückschläge können Fähigkeiten, Strategien und Prioritäten verändern. Manche Menschen berichten rückblickend, dass schwierige Erfahrungen ihr Leben entscheidend geprägt haben.

Aber daraus folgt nicht, dass Krisen eine notwendige Voraussetzung für Erfolg seien.

Eine Krise kann einen Menschen verändern. Sie kann ihn aber auch verletzen, erschöpfen oder langfristig beeinträchtigen. Nicht jede Niederlage enthält automatisch eine Lektion. Nicht jeder Verlust muss im Nachhinein als „Geschenk“ interpretiert werden.

Vielleicht ist die interessantere Frage deshalb nicht: „Was kann ich aus dieser Krise lernen?“

Sondern zunächst:

„Was ist mir geschehen – und muss ich daraus überhaupt sofort etwas machen?“

Die Pflicht, aus jedem Schmerz eine Erfolgsgeschichte zu produzieren, kann selbst zu einer Form von Druck werden.

Training: Die Welt verändert sich nicht durch Absicht

Es gibt allerdings einen Punkt, an dem die Kritik an der Selbstoptimierung ihre eigene Grenze erreicht. Denn manche Veränderungen verlangen tatsächlich Übung.

Wer eine sportliche Leistung verbessern möchte, muss trainieren. Wer ein Instrument beherrschen möchte, muss üben. Wer eine Sprache lernen möchte, muss sprechen, hören und Fehler machen. Wer eine anspruchsvolle berufliche Fähigkeit erwerben möchte, braucht Wiederholung und Rückmeldung.

Hier liegt eine nüchterne Wahrheit, die im Rausch der Motivation leicht untergeht: Absicht ersetzt keine Praxis.

Aber auch der Begriff „Training“ braucht eine Ergänzung. Leistungssteigerung entsteht nicht nur durch Belastung. Erholung, Schlaf, Ernährung und Anpassungsprozesse gehören ebenfalls dazu.

Das gilt vielleicht nicht nur für den Körper.

Auch geistige Arbeit braucht Unterbrechungen. Beziehungen brauchen Zeit, in der nichts optimiert wird. Kreativität braucht Phasen ohne unmittelbaren Output. Und ein Leben braucht möglicherweise Räume, in denen niemand versucht, effizienter zu werden.

Die Frage lautet daher nicht nur: Was trainierst du?

Vielleicht lautet sie ebenso: Wovon erholst du dich?

Die fünf Ideen – neu gelesen

Aus dem klassischen Erfolgsmodell lassen sich fünf Begriffe herauslösen. Doch vielleicht müssen sie anders verstanden werden:

  • Mindset: nicht die magische Ursache des Erfolgs, sondern die Gesamtheit von Überzeugungen, Bewertungen und Erwartungen, die unser Handeln mitprägen können.
  • Vision: nicht das Versprechen einer besseren Zukunft, sondern eine mögliche Richtung, an der Entscheidungen ausgerichtet werden können.
  • Ziele: nicht der Beweis des eigenen Wertes, sondern vorläufige Markierungen auf einem Weg, der sich verändern darf.
  • Strategien: nicht universelle Rezepte, sondern Versuche, mit Unsicherheit, Fehlern und begrenzten Ressourcen umzugehen.
  • Training: nicht permanente Selbstdisziplin, sondern wiederholte Praxis – einschließlich der Fähigkeit, Belastung und Erholung auszubalancieren.

Diese Unterscheidungen wirken weniger spektakulär als die Behauptung, ein bestimmtes Mindset mache 95 Prozent des Erfolgs aus. Gerade deshalb sind sie möglicherweise nützlicher.

Für die 95-Prozent-Behauptung gibt es keine belastbare wissenschaftliche Grundlage. Sie ist eine rhetorische Zuspitzung, keine etablierte Erkenntnis über die Verteilung von Ursachen für Erfolg.

Was bedeutet Erfolg, wenn niemand zusieht?

Vielleicht führt die ganze Diskussion schließlich zu einer anderen Definition von Erfolg.

Wenn Erfolg nur bedeutet, mehr Geld zu verdienen, mehr Leistung zu bringen, einen besseren Körper zu besitzen oder größere Ziele zu erreichen, dann lässt sich das Leben wie eine fortlaufende Bilanz lesen.

Mehr ist besser.

Schneller ist besser.

Größer ist besser.

Aber was geschieht mit Dingen, die sich nicht auf diese Weise messen lassen?

Mit Freundschaft. Aufmerksamkeit. Fürsorge. Neugier. Muße. Zugehörigkeit. Der Fähigkeit, einen gewöhnlichen Dienstag nicht als verlorenen Tag zu betrachten.

Vielleicht ist die entscheidende Spannung nicht die zwischen Erfolg und Misserfolg. Vielleicht liegt sie zwischen Gestalten und Annehmen.

Wer nur annimmt, läuft Gefahr, sich mit Zuständen abzufinden, die veränderbar wären.

Wer nur gestaltet, läuft Gefahr, niemals dort anzukommen, wo er gerade ist.

Zwischen diesen beiden Polen könnte ein erwachsener Begriff von Selbstentwicklung liegen: Ich darf mich verändern, ohne mich abzulehnen. Ich darf Ziele haben, ohne mein gegenwärtiges Leben zu entwerten. Ich darf Verantwortung übernehmen, ohne zu glauben, alles kontrollieren zu können.

Die vielleicht wichtigste Frage bleibt offen

Am Ende steht deshalb keine Methode.

Kein Fünf-Punkte-Plan.

Keine Garantie, dass die richtigen Gedanken automatisch die richtigen Gefühle erzeugen und die richtigen Gefühle automatisch zu einem erfolgreichen Leben führen.

Es bleibt eine Frage:

Wenn du eines Tages auf dein Leben zurückblickst – woran wirst du erkennen, dass es dein Leben war?

Vielleicht an den erreichten Zielen. Vielleicht an den Menschen, die darin vorkamen. Vielleicht an den Entscheidungen, die Mut erforderten. Vielleicht an den Dingen, die man bewusst nicht getan hat.

Und vielleicht auch daran, dass man irgendwann verstanden hat, dass die Gegenwart nicht der Rohstoff für ein späteres, besseres Leben ist.

Sie ist bereits ein Teil davon.

Das bedeutet nicht, auf Veränderung zu verzichten. Im Gegenteil. Es bedeutet, Veränderung nicht mit Verachtung für das Bestehende zu verwechseln.

Wir werden diesen Planeten nicht lebend verlassen. Gerade deshalb stellt sich die Frage nicht nur, was wir noch erreichen können.

Sondern auch:

Was machen wir mit dem Leben, das bereits stattfindet?

Quellen & Literatur

  • World Health Organization: Healthy diet. Aktuelle Empfehlungen zu Ernährung und Obst- und Gemüseverzehr.
  • World Health Organization: Physical activity und WHO Guidelines on Physical Activity and Sedentary Behaviour. Aktuelle Empfehlungen zu Ausdauer- und Krafttraining.
  • Prospektive Meta-Analysen zur Schlafdauer und Gesamtsterblichkeit. Scientific Reports sowie systematische Übersichtsarbeiten zu Schlafdauer und Gesundheitsfolgen.
  • Kerry et al.: Being Thankful for the Little Things: A Systematic Review of Evidence for the Effect of Gratitude on Life Satisfaction. 2023.
  • Harkin et al.: Does Monitoring Goal Progress Promote Goal Attainment? A Meta-Analysis of the Experimental Evidence. 2016.
  • Sisk et al.: To What Extent and Under Which Circumstances Are Growth Mind-Sets Important to Academic Achievement? 2018; ergänzend eine spätere systematische Meta-Analyse zu Growth-Mindset-Interventionen.
  • Meta-Analysen zu Achtsamkeitsinterventionen und kognitiven Funktionen, darunter systematische Übersichten kontrollierter Studien zu Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und exekutiven Funktionen.

Einordnung des Textes

Jeder Text verbindet, je nach Thema, wissenschaftliche Erkenntnisse, praktische Erfahrung und philosophische Betrachtung. Argumente, Gegenargumente und unterschiedliche Perspektiven sollen sichtbar werden, ohne dem Leser ein fertiges Urteil vorzugeben.

Die Texte informieren, ordnen ein und laden zum eigenen Denken ein. Quellen und weiterführende Literatur werden angegeben, soweit sie für die Einordnung relevant sind.

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