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Das vorliegende Essay untersucht das Paradoxon der modernen Kommunikationsgesellschaft: Obwohl digitale Vernetzung räumliche Distanzen mühelos überwindet, führt sie nicht automatisch zu echter sozialer Nähe. Stattdessen entsteht eine neue Form von Einsamkeit, in der Menschen permanent erreichbar sind, während die emotionale Verbindlichkeit schrumpft. Zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und der Angst vor Vereinnahmung entfaltet sich ein ständiger innerer Konflikt. Der Text beleuchtet historische Hintergründe, psychologische Befunde sowie gegensätzliche Perspektiven und zeigt auf, wie Freiheit und soziale Verpflichtung in der digitalen Welt völlig neu ausgehandelt werden müssen.

Digitale Vernetzung und Einsamkeit: Warum ständige Erreichbarkeit soziale Nähe verändert

Macht ständige Erreichbarkeit einsam? Erfahre, wie digitale Vernetzung unsere soziale Nähe verändert, welche psychologischen Konflikte entstehen und wie Freiheit und Verbindlichkeit neu verhandelt werden.

Die paradoxe Gegenwart der Verbundenheit

Nie war es einfacher, einen anderen Menschen zu erreichen. Nachrichten überqueren Kontinente in Sekunden, Freundschaften bestehen über Zeitzonen hinweg, und selbst Menschen, die sich in ihrer unmittelbaren Umgebung fremd fühlen, können Gemeinschaften finden, in denen ihre Erfahrungen verstanden werden. Die technische Überwindung der Distanz ist zu einer alltäglichen Selbstverständlichkeit geworden. Doch aus der Möglichkeit, jederzeit miteinander in Verbindung zu treten, folgt nicht zwangsläufig die Fähigkeit, einander nahe zu sein.

Darin liegt das Paradox der digitalen Gesellschaft: Je leichter soziale Verbindung verfügbar wird, desto weniger selbstverständlich erscheint ihr tatsächlicher Gehalt. Die Zahl erreichbarer Menschen wächst, während die Frage, wem wir uns wirklich verbunden fühlen, unbeantwortet bleibt. Kommunikation lässt sich ausweiten, Kontakte lassen sich vervielfachen und Aufmerksamkeit lässt sich anzeigen. Ob daraus Vertrautheit, Verbindlichkeit oder das Gefühl entsteht, von einem anderen Menschen in seiner Eigenständigkeit verstanden zu werden, entzieht sich jedoch weitgehend der Messbarkeit.

Digitale Einsamkeit bezeichnet deshalb nicht einfach das Alleinsein vor einem Bildschirm. Sie verweist auf eine tiefer liegende Möglichkeit: Menschen können sozial aktiv, kommunikativ beschäftigt und öffentlich sichtbar sein, ohne sich im gleichen Maß verstanden oder zugehörig zu fühlen. Allerdings ist diese Erfahrung weder eine zwangsläufige Folge digitaler Medien noch ein ausschließlich modernes Phänomen. Einsamkeit existierte lange vor dem Internet. Neu ist vielmehr die gesellschaftliche Konstellation, in der permanente Erreichbarkeit und subjektive Entfremdung gleichzeitig auftreten können.

Die zentrale These dieses Essays lautet daher: Digitale Vernetzung beseitigt soziale Distanz nicht, sondern verändert ihre Form. Sie erweitert die Möglichkeiten der Begegnung und macht zugleich die Bedingungen von Aufmerksamkeit, Zugehörigkeit und Verbindlichkeit zum Gegenstand fortlaufender Aushandlung. Was als Befreiung von räumlichen Grenzen beginnt, kann in eine Ordnung münden, in der Menschen unablässig Verbindung herstellen, ohne sicher sein zu können, ob diese Verbindung trägt.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob digitale Beziehungen schlechter sind als analoge. Eine solche Rangordnung würde die Vielfalt menschlicher Beziehungen unterschätzen. Entscheidend ist vielmehr, unter welchen Bedingungen technische Erreichbarkeit in soziale Nähe übergeht – und wann sie deren bloßes Versprechen bleibt.

Der zentrale Konflikt: Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und die Angst vor Vereinnahmung

Menschen sind auf soziale Beziehungen angewiesen. Anerkennung, Zugehörigkeit und das Erleben, für andere von Bedeutung zu sein, gehören zu den grundlegenden Dimensionen menschlichen Lebens. Gleichzeitig benötigen Menschen Rückzug, Selbstbestimmung und die Möglichkeit, nicht jederzeit auf die Erwartungen anderer reagieren zu müssen. Zwischen diesen Bedürfnissen besteht kein bloßer Gegensatz, der sich durch eine geschickte Zeiteinteilung auflösen ließe. Sie können sich innerhalb derselben Person widersprechen.

Die digitale Kommunikation verschärft diesen Widerspruch, weil sie die Grenze zwischen Anwesenheit und Abwesenheit durchlässig macht. Eine Nachricht kann jederzeit eintreffen; eine ausbleibende Antwort kann jederzeit bemerkt werden. Selbst wenn niemand ausdrücklich eine Reaktion verlangt, entsteht die Möglichkeit, dass Schweigen als Desinteresse, Verzögerung als Zurückweisung oder Unerreichbarkeit als soziale Abweichung interpretiert wird.

Auf der einen Seite steht die Angst, etwas zu verpassen oder aus einer Gemeinschaft herauszufallen. In der psychologischen Forschung wird diese Sorge als Fear of Missing Out (FOMO) bezeichnet. Sie kann Menschen dazu bewegen, soziale Aktivitäten fortlaufend zu beobachten, Neuigkeiten abzurufen und ihre Aufmerksamkeit auf Ereignisse zu richten, an denen sie selbst nicht teilnehmen. Das Versprechen lautet: Wer verbunden bleibt, bleibt Teil des Geschehens.

Auf der anderen Seite steht der Wunsch, sich dem Zugriff fremder Erwartungen zu entziehen. Die permanente Verfügbarkeit kann als Belastung erlebt werden, insbesondere wenn berufliche Anforderungen, private Kommunikation und öffentliche Selbstdarstellung ineinandergreifen. Der Rückzug wird dann nicht unbedingt zur Abkehr von anderen Menschen, sondern zum Versuch, die eigene Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.

Die Spannung entsteht, weil beide Bewegungen einander verstärken können. Wer aus Angst vor dem Ausschluss ständig präsent bleibt, erlebt möglicherweise eine zunehmende Erschöpfung. Wer sich daraufhin zurückzieht, riskiert, tatsächlich weniger wahrgenommen zu werden. Die daraus entstehende Unsicherheit kann wiederum den Wunsch nach Kontrolle und erneuter Verbindung verstärken.

Wir wollen erreichbar sein, ohne verfügbar sein zu müssen. Wir wollen wahrgenommen werden, ohne uns permanent erklären zu müssen. Wir wollen dazugehören, ohne unsere Freiheit zur Distanz aufzugeben.

Für die Bezeichnung einer solchen Überforderung wird mitunter der Ausdruck „Fear of Being Reached“ verwendet. Er ist jedoch nicht als allgemein etablierter psychologischer Gegenbegriff zu FOMO zu behandeln. Das zugrunde liegende Spannungsverhältnis lässt sich auch ohne einen solchen Fachbegriff beschreiben: Es ist der Konflikt zwischen dem Wunsch nach sozialer Einbindung und dem Bedürfnis, über die eigenen Grenzen bestimmen zu können.

Die digitale Gesellschaft erzeugt diesen Konflikt nicht aus dem Nichts. Sie verleiht ihm vielmehr eine neue Infrastruktur. Was früher durch räumliche Entfernung, feste Tagesabläufe oder die begrenzte Verfügbarkeit von Kommunikationsmitteln unterbrochen wurde, kann heute nahezu ununterbrochen fortbestehen. Damit verändert sich nicht nur die Menge möglicher Kontakte, sondern auch die Erwartung darüber, wie viel Aufmerksamkeit ein Mensch anderen schuldet.

Von der ortsgebundenen Gemeinschaft zur flexiblen Vernetzung

Die heutige Situation lässt sich besser verstehen, wenn man sie nicht als plötzlichen Bruch mit einer vermeintlich harmonischen Vergangenheit betrachtet. Gemeinschaft war nie ausschließlich Geborgenheit, und moderne Individualität ist nicht ausschließlich Vereinzelung. Jede historische Form des Zusammenlebens verbindet bestimmte Möglichkeiten der Zugehörigkeit mit bestimmten Formen des Ausschlusses.

Gemeinschaft, Verpflichtung und soziale Kontrolle

In stärker ortsgebundenen Gesellschaften waren soziale Beziehungen häufig in Familien, Nachbarschaften, religiöse Zusammenhänge und lokale Wirtschaftsformen eingebettet. Menschen begegneten einander wiederholt, teilten alltägliche Aufgaben und waren in vielen Lebensbereichen voneinander abhängig. Nähe entstand dadurch nicht allein aus persönlicher Sympathie, sondern auch aus gemeinsamer Lebensführung und institutioneller Verpflichtung.

Diese Einbindung konnte Verlässlichkeit schaffen. Sie bedeutete jedoch keineswegs, dass Einsamkeit unbekannt gewesen wäre oder jeder Mensch über tragfähige Beziehungen verfügte. Die geringe räumliche Mobilität und die soziale Dichte konnten ebenso Kontrolle, Abhängigkeit und den Ausschluss von Menschen begünstigen, die von geltenden Normen abwichen. Die Gemeinschaft bot Schutz und setzte zugleich Grenzen.

Die Vorstellung einer früheren Welt, in der soziale Nähe selbstverständlich und Einsamkeit selten gewesen sei, ist deshalb historisch zu einfach. Sie verwechselt die Sichtbarkeit sozialer Einbindung mit ihrem emotionalen Wert. Wer in ein dichtes Beziehungsgeflecht eingebunden ist, muss sich darin nicht unbedingt verstanden oder angenommen fühlen.

Individualisierung und die Zerbrechlichkeit sozialer Bindungen

Mit Industrialisierung, Urbanisierung und wachsender räumlicher Mobilität veränderten sich die Bedingungen des Zusammenlebens. Arbeitswege, Migration, neue Familienformen und die zunehmende Trennung von Wohnort und Arbeitsplatz lösten soziale Beziehungen teilweise aus ihren traditionellen Zusammenhängen. Individuelle Lebensentwürfe gewannen an Bedeutung; zugleich mussten Menschen ihre Zugehörigkeiten häufiger selbst auswählen, gestalten und aufrechterhalten.

Diese Entwicklung war ambivalent. Sie eröffnete Möglichkeiten, sich aus vorgegebenen Rollen und belastenden Abhängigkeiten zu lösen. Gleichzeitig verringerte sie in manchen Lebensbereichen die Selbstverständlichkeit gemeinsamer Routinen. Beziehungen mussten zunehmend über räumliche Distanz hinweg gepflegt oder unter veränderten Lebensbedingungen neu aufgebaut werden.

Die moderne Einsamkeit ist daher nicht allein als Verlust einer früheren Gemeinschaft zu verstehen. Sie steht auch im Zusammenhang mit der Freiheit, Zugehörigkeit nicht mehr ausschließlich erben oder hinnehmen zu müssen. Je stärker Beziehungen auf persönlicher Wahl beruhen, desto größer kann die Möglichkeit sein, passende Gemeinschaften zu finden. Zugleich wächst die Unsicherheit, ob diese Beziehungen Bestand haben, wenn Interessen, Lebensumstände oder persönliche Bedürfnisse sich verändern.

Das digitale Netzwerk: Nähe ohne gemeinsamen Ort

Digitale Medien führen diese Entwicklung weiter. Sie ermöglichen Beziehungen über geografische, kulturelle und soziale Grenzen hinweg und schaffen Gemeinschaften, die ohne technische Vermittlung kaum zustande kämen. Für Menschen mit seltenen Interessen, eingeschränkter Mobilität oder Erfahrungen sozialer Ausgrenzung kann dies einen erheblichen Zugewinn bedeuten.

Doch das digitale Netzwerk ersetzt die ortsgebundene Gemeinschaft nicht einfach. Es verändert deren Bedingungen. Kontakte können leichter begonnen, häufiger unterbrochen und mit geringerem organisatorischem Aufwand fortgeführt werden. Diese Flexibilität ist eine Stärke, weil sie Beziehungen trotz Entfernung und veränderter Lebensumstände ermöglicht. Sie kann aber auch dazu beitragen, dass die Verbindlichkeit einer Beziehung weniger durch gemeinsam geteilte Routinen getragen wird und stärker von fortlaufenden individuellen Entscheidungen abhängt.

Aus der historischen Entwicklung ergibt sich deshalb kein einfacher Niedergang sozialer Nähe. Sichtbar wird vielmehr eine Verschiebung: Wo Zugehörigkeit früher häufig durch gemeinsame Lebensbedingungen vorgegeben war, muss sie heute stärker ausgehandelt und aktiv aufrechterhalten werden. Digitale Kommunikation erweitert die dafür verfügbaren Mittel. Ob sie die Verbindlichkeit stärkt oder die Unverbindlichkeit erleichtert, hängt jedoch von den jeweiligen Beziehungen, den sozialen Bedingungen und der Art ihrer Nutzung ab.

Die optimistische Position: Digitale Vernetzung als Erweiterung menschlicher Freiheit

Die Kritik an digitalen Beziehungen beruht häufig auf einer stillschweigenden Vorstellung davon, wie echte Nähe auszusehen habe: Menschen befinden sich im selben Raum, nehmen einander körperlich wahr und teilen eine unmittelbare Situation. Doch warum sollte gerade diese Form der Begegnung als Maßstab für jede bedeutungsvolle Beziehung gelten?

Die optimistische Gegenposition beginnt mit einem einfachen Einwand: Räumliche Anwesenheit garantiert keine emotionale Nähe. Menschen können gemeinsam am Tisch sitzen und einander fremd bleiben. Umgekehrt können Personen, die sich niemals persönlich begegnet sind, einander Vertrauen schenken, schwierige Erfahrungen mitteilen und über Jahre hinweg eine tragfähige Beziehung entwickeln.

Die digitale Kommunikation erweitert den Kreis möglicher Bezugspersonen. Sie erlaubt es, soziale Bindungen über Umzüge, Krankheit, berufliche Veränderungen und andere Unterbrechungen des Alltags hinweg aufrechtzuerhalten. Für Menschen, deren Interessen, Identität oder Lebenssituation in ihrem unmittelbaren Umfeld wenig Resonanz finden, kann eine digitale Gemeinschaft einen Raum schaffen, in dem Erfahrungen erstmals ausgesprochen und anerkannt werden.

Besonders wichtig ist dieser Aspekt, weil soziale Isolation und subjektive Einsamkeit nicht dasselbe sind. Isolation beschreibt vor allem das Ausmaß tatsächlicher sozialer Kontakte und Beziehungen. Einsamkeit bezeichnet dagegen das schmerzhafte Erleben einer Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlich erfahrenen Beziehungen. Ein Mensch kann wenige Kontakte haben und dennoch zufrieden sein. Ein anderer kann von vielen Menschen umgeben sein und sich tiefgreifend einsam fühlen.

Digitale Kommunikation kann beide Dimensionen unterschiedlich beeinflussen. Sie kann zusätzliche Kontakte schaffen, praktische Unterstützung ermöglichen und bestehende Beziehungen stabilisieren. Sie kann aber auch eine Vielzahl oberflächlicher Interaktionen hervorbringen, ohne das Gefühl der Zugehörigkeit wesentlich zu verändern. Entscheidend ist deshalb nicht allein, wie häufig oder über welchen Kanal Menschen kommunizieren, sondern welche Qualität die Kommunikation in ihrem jeweiligen Leben gewinnt.

Auch die Behauptung, digitale Kommunikation sei grundsätzlich weniger authentisch, ist nicht haltbar. Schriftliche Nachrichten ermöglichen mitunter eine sorgfältigere Formulierung von Gedanken, die im direkten Gespräch schwer auszusprechen wären. Die zeitliche Verzögerung kann Raum für Reflexion schaffen. Für manche Menschen ist die geringere soziale Unmittelbarkeit keine Einschränkung, sondern eine Voraussetzung dafür, sich überhaupt öffnen zu können.

Die optimistische Position verteidigt somit nicht die Vorstellung, jede zusätzliche Verbindung sei wertvoll. Sie stellt vielmehr die gegenteilige Annahme infrage, dass technische Vermittlung menschliche Nähe zwangsläufig vermindere. Digitale Medien sind weder bloße Ersatzobjekte noch neutrale Übertragungswege. Sie verändern die Bedingungen, unter denen Beziehungen entstehen und bestehen bleiben.

Aus dieser Perspektive liegt die Gefahr weniger in der Existenz digitaler Kontakte als in einer zu engen Vorstellung von Gemeinschaft. Wer Nähe ausschließlich an körperlicher Anwesenheit misst, übersieht möglicherweise Beziehungen, die gerade durch räumliche Distanz möglich werden. Die entscheidende Gegenfrage lautet daher: Wird die digitale Welt kritisiert, weil sie menschliche Beziehungen tatsächlich verarmt, oder auch deshalb, weil sie tradierte Vorstellungen von Nähe und Zugehörigkeit infrage stellt?

Die skeptische Position: Wenn soziale Beziehungen zu verfügbaren Optionen werden

Die skeptische Gegenposition richtet ihre Kritik weniger gegen die Technik als solche als gegen die soziale Logik, die sich durch digitale Plattformen verstärken kann. Ihre Sorge gilt einer Welt, in der Beziehungen nicht mehr nur gelebt, sondern fortlaufend beobachtet, bewertet und mit alternativen Möglichkeiten verglichen werden.

Digitale Kommunikationsräume machen bestimmte Aspekte sozialer Beziehungen sichtbar, die zuvor nur eingeschränkt messbar waren. Nachrichten können gezählt, Reaktionen erfasst, Reichweiten verglichen und Antwortzeiten registriert werden. Solche Kennzahlen sagen zwar wenig über die tatsächliche Tiefe einer Beziehung aus, können aber dennoch als Hinweise auf Anerkennung, Interesse oder sozialen Rang interpretiert werden.

Damit entsteht eine eigentümliche Verschiebung. Was zwischen Menschen geschieht, wird zunehmend von sichtbaren Indikatoren begleitet. Eine ausbleibende Reaktion kann schwerer wiegen als eine persönliche Begegnung, die sich keiner Kennzahl zuordnen lässt. Ein öffentlicher Ausdruck der Zustimmung kann den Eindruck von Verbundenheit erzeugen, ohne dass daraus eine verlässliche Beziehung folgt.

Die Gefahr besteht nicht darin, dass Zahlen menschliche Beziehungen vollständig ersetzen. Sie besteht darin, dass messbare Signale als Stellvertreter für schwerer messbare Erfahrungen dienen. Aufmerksamkeit wird dann mit Anerkennung, Reichweite mit Bedeutung und Kontakt mit Nähe verwechselt.

Hinzu kommt die permanente Verfügbarkeit alternativer Kontakte. Wenn neue Begegnungen mit wenigen Handgriffen erreichbar sind, kann die Vorstellung entstehen, jede Beziehung müsse sich gegenüber einer Vielzahl anderer Möglichkeiten behaupten. Diese Verfügbarkeit muss nicht zwangsläufig zu geringerer Bindungsbereitschaft führen. Sie kann jedoch eine Haltung begünstigen, in der die Fortsetzung einer Beziehung stärker von ihrer augenblicklichen Befriedigung abhängt.

Die soziologische Vorstellung einer „flüchtigen Moderne“ beschreibt einen verwandten gesellschaftlichen Wandel: Bindungen, Institutionen und Lebensentwürfe werden weniger selbstverständlich als dauerhaft vorausgesetzt. Beziehungen müssen unter Bedingungen größerer Beweglichkeit immer wieder neu bestätigt werden. Digitale Kommunikation verursacht diesen Wandel nicht allein. Sie kann ihn beschleunigen und sichtbarer machen, weil Alternativen ständig präsent bleiben.

Auch die Kritik an der emotionalen Erschöpfung verdient eine differenzierte Betrachtung. Ständige Erreichbarkeit bedeutet nicht automatisch, dass jeder Mensch dauerhaft unter Stress steht. Belastend wird sie insbesondere dann, wenn Erreichbarkeit mit Erwartungen verbunden ist, die sich kaum begrenzen lassen: im Beruf, in der Familie oder innerhalb sozialer Gruppen. Nicht die technische Möglichkeit einer Nachricht ist entscheidend, sondern die Frage, welche sozialen Folgen mit einer ausbleibenden Antwort verbunden sein können.

Die skeptische Position formuliert somit eine strukturelle Kritik: Wenn Beziehungen jederzeit verfügbar, vergleichbar und kündbar erscheinen, verändert sich möglicherweise nicht nur die Art, wie Menschen kommunizieren, sondern auch ihre Vorstellung davon, was sie einander schulden. Verbindlichkeit lässt sich nicht ohne Weiteres in Antwortgeschwindigkeit, Aktivitätsstatus oder Häufigkeit der Interaktion übersetzen. Dennoch können genau solche Signale Erwartungen prägen.

Der eigentliche Gegensatz: Nicht digital gegen analog, sondern Freiheit gegen Verbindlichkeit?

Beide Positionen beschreiben reale Möglichkeiten der digitalen Gesellschaft. Die eine betont die Erweiterung menschlicher Freiheit, die andere die Gefahr, dass diese Freiheit soziale Bindungen unter veränderten Bedingungen brüchiger werden lässt. Der Konflikt lässt sich nicht dadurch auflösen, dass man eine Seite für richtig und die andere für rückständig erklärt.

Die digitale Vernetzung kann Menschen aus einschränkenden lokalen Verhältnissen lösen und ihnen neue Gemeinschaften eröffnen. Dieselbe Freiheit, die es ermöglicht, unpassende Beziehungen zu verlassen, kann jedoch auch die Erwartung stärken, dass jede Beziehung fortlaufend ihre Berechtigung beweisen müsse. Wahlfreiheit ist nicht nur die Freiheit, eine passende Verbindung zu finden. Sie ist zugleich die Freiheit, eine bestehende Verbindung nicht weiterzuführen.

Umgekehrt kann Verbindlichkeit Sicherheit schaffen und Menschen durch Krisen tragen. Sie kann aber auch zur Verpflichtung werden, die Rückzug erschwert und persönliche Entwicklung begrenzt. Die Vorstellung, mehr Verpflichtung bedeute automatisch mehr Nähe, ist ebenso fragwürdig wie die Annahme, mehr Freiheit führe zwangsläufig zu größerer Einsamkeit.

Der Konflikt liegt damit tiefer als in der Unterscheidung zwischen Bildschirm und Begegnung. Er betrifft die Frage, wie eine Gesellschaft mit Beziehungen umgeht, deren Fortbestand immer stärker auf individuellen Entscheidungen beruht. Was geschieht mit Vertrauen, wenn es nicht mehr selbstverständlich durch gemeinsame Lebensbedingungen gestützt wird? Und wie viel Unverbindlichkeit kann eine Gesellschaft tolerieren, bevor die Freiheit des Einzelnen in die Unsicherheit aller umschlägt?

Vielleicht ist die digitale Kommunikation weniger eine Ursache sozialer Entfremdung als ein Brennglas, durch das bereits bestehende Spannungen deutlicher hervortreten. Sie macht sichtbar, dass Zugehörigkeit nicht allein aus der Anzahl sozialer Kontakte entsteht. Sie zeigt zugleich, wie sehr Menschen darauf angewiesen sind, dass andere nicht nur erreichbar sind, sondern sich auch tatsächlich auf sie beziehen.

Was die Psychologie über Einsamkeit und digitale Beziehungen tatsächlich aussagt

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit digitaler Einsamkeit wird durch eine Schwierigkeit geprägt: Begriffe, die im Alltag häufig gleichgesetzt werden, bezeichnen unterschiedliche Phänomene. Bildschirmzeit ist nicht dasselbe wie problematische Mediennutzung. Soziale Isolation ist nicht dasselbe wie Einsamkeit. Häufige Kommunikation bedeutet nicht automatisch emotionale Nähe, und wenige Kontakte sind kein verlässlicher Beleg für soziale Unzufriedenheit.

Diese Unterscheidungen sind entscheidend, weil pauschale Aussagen über die Wirkung digitaler Medien häufig genau jene Unterschiede verwischen, die für eine Erklärung des Problems notwendig wären.

Einsamkeit als subjektive Diskrepanz

Psychologische Forschung versteht Einsamkeit im Allgemeinen als subjektiv belastendes Erleben, bei dem die vorhandenen Beziehungen nicht den gewünschten Beziehungen entsprechen. Entscheidend ist somit nicht allein die Anzahl sozialer Kontakte, sondern auch deren wahrgenommene Qualität, Verlässlichkeit und emotionale Bedeutung.

Diese Perspektive widerspricht der Vorstellung, Einsamkeit lasse sich durch eine bloße Erhöhung der Kontaktzahl beheben. Wer sich nicht verstanden fühlt, kann durch zusätzliche Kommunikation zwar stärker beschäftigt sein, ohne sich weniger einsam zu fühlen. Umgekehrt kann eine einzelne vertrauensvolle Beziehung für das Zugehörigkeitsgefühl bedeutsamer sein als zahlreiche lose Bekanntschaften.

Allerdings folgt daraus nicht, dass digitale Kontakte grundsätzlich oberflächlich seien. Eine Online-Beziehung kann emotional bedeutsam und dauerhaft sein. Eine persönliche Begegnung kann belanglos bleiben. Entscheidend ist, ob die Beziehung die Bedürfnisse der Beteiligten erfüllt und ob sie ein Mindestmaß an Gegenseitigkeit und Verlässlichkeit ermöglicht.

FOMO, sozialer Vergleich und die Angst, nicht dazuzugehören

Die Forschung zu FOMO beschreibt eine Sorge, andere könnten lohnende Erfahrungen machen, an denen man selbst nicht teilhat. Digitale Plattformen können diese Sorge verstärken, indem sie soziale Ereignisse, Erfolge und Aktivitäten fortlaufend sichtbar machen. Der Einzelne begegnet dadurch nicht nur dem eigenen Alltag, sondern auch einer Auswahl der besonders bemerkenswerten Momente anderer Menschen.

Das Problem liegt dabei nicht ausschließlich in einem verzerrten Vergleich. Auch die ständige Verfügbarkeit sozialer Informationen kann den Eindruck erzeugen, Zugehörigkeit müsse aktiv überwacht werden. Wer nicht nachsieht, könnte etwas verpassen; wer nachsieht, entdeckt womöglich weitere Anlässe zur Sorge. Die Suche nach Sicherheit kann so eine Unsicherheit reproduzieren, die sie eigentlich reduzieren soll.

Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Nicht jede intensive Nutzung sozialer Medien entsteht aus FOMO, und nicht jede Beobachtung fremder Lebensentwürfe führt zu Unzufriedenheit. Digitale Gemeinschaften können ebenso Inspiration, Orientierung und Unterstützung bieten. Die Wirkung hängt unter anderem von individuellen Voraussetzungen, den betrachteten Inhalten und der sozialen Situation ab.

Aufmerksamkeit, Unterbrechungen und Multitasking

Eine weitere Debatte betrifft die Verteilung menschlicher Aufmerksamkeit. Häufige Unterbrechungen und der rasche Wechsel zwischen unterschiedlichen Aufgaben können die Bearbeitung komplexer Tätigkeiten erschweren. Forschungsarbeiten zu Medien-Multitasking finden Zusammenhänge mit bestimmten Aspekten kognitiver Kontrolle und Aufmerksamkeit. Die Befunde sind jedoch nicht einheitlich; Stärke und Richtung der Zusammenhänge unterscheiden sich je nach Untersuchungsdesign, Aufgabe und untersuchter Personengruppe.

Deshalb wäre es wissenschaftlich nicht gerechtfertigt, aus der häufigen Nutzung digitaler Medien unmittelbar auf eine generell verminderte Empathiefähigkeit zu schließen. Aufmerksamkeit, Perspektivübernahme, emotionale Resonanz und Mitgefühl sind miteinander verbundene, aber nicht identische Fähigkeiten. Dass Unterbrechungen konzentriertes Zuhören erschweren können, beweist noch nicht, dass digitale Medien das menschliche Einfühlungsvermögen grundsätzlich vermindern.

Gleichwohl ist eine plausible gesellschaftliche Frage damit nicht erledigt: Was geschieht mit Beziehungen, wenn Aufmerksamkeit immer wieder von konkurrierenden Reizen beansprucht wird? Eine Begegnung erfordert nicht in jeder Situation ungeteilte Konzentration. Doch Verstehen kann schwieriger werden, wenn Gesprächspartner regelmäßig unterbrechen, ausweichen oder ihre Aufmerksamkeit gleichzeitig auf andere soziale Räume richten.

Die Herausforderung liegt somit weniger in einer vermeintlichen neurologischen Unfähigkeit zur Nähe als in den Bedingungen, unter denen Aufmerksamkeit tatsächlich zur Verfügung steht. Technische Ablenkung ist dabei nur ein Faktor neben Arbeitsbelastung, Zeitdruck, persönlichen Gewohnheiten und sozialen Erwartungen.

Die vermeintliche Biologie der Nähe

Besonders problematisch sind Erklärungen, die digitale Kommunikation als biologisch minderwertig darstellen. Häufig wird dabei auf Oxytocin verwiesen, das an verschiedenen sozialen und physiologischen Prozessen beteiligt ist. Daraus wird mitunter die Behauptung abgeleitet, digitale Nachrichten könnten die biologischen Voraussetzungen menschlicher Bindung nicht in vergleichbarer Weise aktivieren wie persönliche Begegnungen.

Eine solche Schlussfolgerung ist zu pauschal. Oxytocin ist kein einfacher chemischer Schalter für Liebe, Vertrauen oder Nähe. Seine Wirkungen hängen vom Kontext ab und lassen sich nicht auf eine einzelne Form sozialer Interaktion reduzieren. Ebenso wenig gibt es eine tragfähige allgemeine Grundlage für die Behauptung, digitale Kommunikation löse grundsätzlich weniger bindungsrelevante biologische Reaktionen aus als ein Gespräch im selben Raum.

Persönliche Begegnungen bieten zwar zusätzliche Ausdrucksmöglichkeiten: Mimik, Gestik, Körperhaltung, räumliche Präsenz und gemeinsam erlebte Situationen. Diese Signale können für das Verständnis sozialer Situationen wichtig sein. Daraus folgt jedoch nicht, dass sie in jeder Beziehung notwendig oder in jedem Kontext überlegen wären. Schriftliche Kommunikation kann andere Formen der Offenheit, Reflexion und emotionalen Verständigung ermöglichen.

Die wissenschaftlich angemessene Frage lautet daher nicht, ob digitale Nähe biologisch echt oder unecht ist. Sie lautet, welche Aspekte einer Beziehung durch unterschiedliche Kommunikationsformen erleichtert, erschwert oder verändert werden – und unter welchen Bedingungen diese Unterschiede tatsächlich bedeutsam sind.

Wenn aus einer psychologischen Beobachtung eine gesellschaftliche Diagnose wird

Zwischen der Feststellung, dass digitale Medien bestimmte Verhaltensweisen beeinflussen können, und der Behauptung, sie machten eine ganze Gesellschaft einsam, liegt ein erheblicher Erklärungsschritt. Eine wissenschaftlich belastbare Analyse muss berücksichtigen, dass Menschen digitale Medien nicht unter identischen Bedingungen nutzen und dass ihre Nutzung in bestehende Lebensverhältnisse eingebettet ist.

Wer wenig soziale Unterstützung erfährt, kann sich verstärkt digitalen Räumen zuwenden, weil dort Gemeinschaft verfügbar ist. Wer sich einsam fühlt, kann soziale Medien intensiver nutzen, um Kontakt herzustellen oder die eigene Stimmung zu verändern. Wenn zwischen intensiver Nutzung und Einsamkeit ein Zusammenhang beobachtet wird, bleibt deshalb zunächst offen, in welche Richtung die Wirkung verläuft und welche weiteren Faktoren beteiligt sind.

Es ist möglich, dass bestimmte Nutzungsweisen Einsamkeit verstärken. Ebenso ist möglich, dass Einsamkeit bestimmte Nutzungsweisen begünstigt oder dass beide Phänomene durch andere Belastungen beeinflusst werden. Auch wechselseitige Verstärkungen sind denkbar. Querschnittsdaten allein reichen häufig nicht aus, um diese Möglichkeiten eindeutig auseinanderzuhalten.

Hinzu kommt die Vielfalt digitaler Aktivitäten. Ein langes Gespräch mit einer vertrauten Person, die Teilnahme an einer unterstützenden Gemeinschaft, das passive Betrachten fremder Beiträge und das beruflich erzwungene Prüfen von Nachrichten sind nicht dieselbe Erfahrung. Werden sie unter dem Begriff „Bildschirmzeit“ zusammengefasst, geht ein erheblicher Teil der Erklärung verloren.

Auch die Annahme, mehr digitale Kontakte verdrängten zwangsläufig persönliche Beziehungen, ist nicht allgemein haltbar. In manchen Situationen ersetzt digitale Kommunikation Begegnungen, die sonst stattgefunden hätten. In anderen Fällen ermöglicht sie überhaupt erst eine Beziehung oder ergänzt persönliche Kontakte. Ob digitale und analoge Interaktionen einander verdrängen oder ergänzen, ist eine empirische Frage und keine universell gültige Eigenschaft der Technik.

Diese Differenzierung schwächt die gesellschaftliche Kritik nicht. Sie verhindert vielmehr, dass eine komplexe Entwicklung auf eine einzige Ursache reduziert wird. Eine Gesellschaft kann unter Einsamkeit leiden, ohne dass digitale Medien deren alleiniger Ursprung sind. Wirtschaftliche Unsicherheit, prekäre Arbeitsbedingungen, räumliche Mobilität, fehlende öffentliche Begegnungsräume und veränderte Familienstrukturen können ebenfalls beeinflussen, wie leicht Menschen tragfähige Beziehungen aufbauen und erhalten.

Die gesellschaftliche Dimension: Erreichbarkeit als Erwartung und soziale Pflicht

Die digitale Vernetzung ist längst mehr als eine private Kommunikationsmöglichkeit. Sie strukturiert Arbeitsabläufe, Bildungsprozesse, Behördenkontakte, Informationszugang und gesellschaftliche Teilhabe. Dadurch wird die Entscheidung, digital erreichbar zu sein, zunehmend von äußeren Bedingungen beeinflusst.

Wer beruflich auf kurzfristige Kommunikation angewiesen ist, kann sich einer dauerhaften Erreichbarkeit möglicherweise nicht entziehen, ohne Nachteile zu riskieren. Wer soziale Beziehungen überwiegend über digitale Kanäle pflegt, muss bestimmte Kommunikationsräume nutzen, um nicht aus dem Alltag anderer zu verschwinden. Wer digitale Infrastruktur nicht nutzen kann oder möchte, kann wiederum auf praktische und soziale Hindernisse stoßen.

Damit verschiebt sich die Frage nach individueller Selbstbestimmung. Die Möglichkeit, eine Nachricht nicht zu beantworten, ist formal vorhanden. Ob diese Entscheidung tatsächlich frei getroffen werden kann, hängt jedoch davon ab, welche Konsequenzen sie nach sich zieht. Zwischen technischer Wahlfreiheit und sozialer Wahlfreiheit besteht ein Unterschied.

Gleichzeitig sind digitale Plattformen keine neutralen Räume, in denen Menschen ihre Beziehungen unabhängig von wirtschaftlichen Interessen gestalten. Viele Dienste organisieren Kommunikation innerhalb von Geschäftsmodellen, die auf Aufmerksamkeit, Aktivität und wiederkehrende Nutzung ausgerichtet sind. Daraus ergibt sich ein struktureller Konflikt: Was für die Nutzer eine Unterbrechung, ein Vergleich oder eine zusätzliche soziale Verpflichtung ist, kann für eine Plattform ein Zeichen erfolgreicher Bindung sein.

Es wäre überzogen, daraus abzuleiten, jede Plattform wolle Einsamkeit erzeugen oder jede Form digitaler Aufmerksamkeit ausbeuten. Geschäftsmodelle, Funktionen und Nutzungserfahrungen unterscheiden sich erheblich. Dennoch ist die Frage berechtigt, welche Interessen darüber entscheiden, wie soziale Interaktionen gestaltet, gemessen und verstärkt werden.

Die gesellschaftliche Bedeutung der digitalen Einsamkeit liegt deshalb nicht nur in den Gefühlen einzelner Menschen. Sie betrifft auch die Verteilung von Aufmerksamkeit, die Gestaltung öffentlicher Räume und die Bedingungen sozialer Teilhabe. Wenn Erreichbarkeit zur Voraussetzung beruflicher Verlässlichkeit oder gesellschaftlicher Sichtbarkeit wird, lässt sich die Verantwortung nicht vollständig dem Individuum zuschreiben.

Die Grenzen populärer Erklärungen: Warum digitale Entgiftung das Problem nicht vollständig erfasst

Die öffentliche Debatte über digitale Einsamkeit neigt zu einer einfachen Erklärung: Menschen verbringen zu viel Zeit mit ihren Geräten und zu wenig Zeit miteinander. Daraus ergibt sich eine ebenso einfache Empfehlung: weniger Bildschirmzeit, mehr persönliche Begegnungen, mehr bewusste Aufmerksamkeit. Solche Überlegungen können im Einzelfall sinnvoll sein. Als allgemeine Gesellschaftstheorie bleiben sie jedoch unzureichend.

Erstens reduzieren sie ein soziales Problem auf individuelles Verhalten. Wer sich einsam fühlt, soll seine Gewohnheiten verändern; wer erschöpft ist, soll seine Erreichbarkeit begrenzen; wer unter sozialem Vergleich leidet, soll weniger Inhalte konsumieren. Dabei bleibt häufig unbeachtet, dass digitale Kommunikation nicht nur aus persönlichen Vorlieben entsteht, sondern in Arbeitsverhältnisse, institutionelle Abläufe und soziale Erwartungen eingebunden ist.

Zweitens setzen solche Empfehlungen voraus, dass die betreffende Person über ausreichende Handlungsspielräume verfügt. Wer beruflich auf digitale Kommunikation angewiesen ist, familiäre Verpflichtungen koordiniert oder auf digitale Gemeinschaften als wesentliche Quelle sozialer Unterstützung zurückgreift, kann nicht ohne Weiteres auf dieselben Kommunikationsmöglichkeiten verzichten wie jemand mit einem stabilen sozialen Umfeld und größerer zeitlicher Autonomie.

Drittens unterschätzen einfache Entgiftungsmodelle die Mehrdeutigkeit digitaler Nutzung. Weniger Bildschirmzeit kann mehr Raum für persönliche Begegnungen schaffen. Sie kann aber auch bedeuten, dass ein Mensch den Kontakt zu einer unterstützenden Gemeinschaft verliert. Eine Reduktion der Nutzung ist deshalb nicht automatisch eine Verbesserung der sozialen Situation. Entscheidend bleibt, welche Funktionen die jeweilige Nutzung erfüllt und welche Beziehungen durch sie ermöglicht oder erschwert werden.

Schließlich suggeriert die Sprache der Entgiftung, die digitale Welt sei ein äußerer Schadstoff, von dem sich das Individuum reinigen müsse. Diese Metapher verdeckt, dass digitale Kommunikation inzwischen Teil gesellschaftlicher Normalität ist. Sie ist weder ausschließlich schädlich noch vollständig vermeidbar. Eine Gesellschaft, die ihre sozialen, beruflichen und administrativen Prozesse digital organisiert, kann die Verantwortung für deren Folgen nicht allein an die Selbstdisziplin ihrer Mitglieder delegieren.

Damit ist nicht gesagt, dass individuelle Entscheidungen bedeutungslos wären. Es bedeutet lediglich, dass sie nicht mit einer vollständigen Erklärung verwechselt werden dürfen. Wer digitale Einsamkeit verstehen will, muss sowohl die persönliche Erfahrung als auch die institutionellen Bedingungen untersuchen, unter denen diese Erfahrung entsteht.

Die unbequeme Frage nach dem Wert sozialer Nähe

Die Debatte über digitale Einsamkeit führt schließlich zu einer Frage, die über einzelne Technologien hinausgeht: Woran erkennen wir, dass eine Beziehung für uns tatsächlich Bedeutung besitzt?

Die Zahl der Kontakte liefert darauf keine verlässliche Antwort. Auch die Häufigkeit der Kommunikation, die Geschwindigkeit einer Reaktion oder die öffentliche Sichtbarkeit einer Beziehung können ihren emotionalen Gehalt nur unvollständig erfassen. Dennoch orientieren sich moderne Kommunikationsräume vielfach an genau solchen messbaren Größen. Was sich zählen lässt, wird sichtbar; was sich sichtbar machen lässt, kann verglichen werden. Die Bedeutung dessen, was sich einer solchen Messung entzieht, bleibt dagegen schwerer zu vermitteln.

Vielleicht liegt darin eine zentrale Ambivalenz der digitalen Gegenwart. Sie erweitert die Möglichkeiten, Menschen zu finden, und erschwert zugleich die Unterscheidung zwischen Kontakt und Verbundenheit. Sie erlaubt es, Beziehungen über große Entfernungen hinweg zu erhalten, und macht gleichzeitig die Verfügbarkeit alternativer Kontakte nahezu permanent erfahrbar. Sie kann Menschen aus einschränkenden sozialen Verhältnissen befreien und sie zugleich neuen Erwartungen an Präsenz und Reaktionsbereitschaft aussetzen.

Die historische Entwicklung lässt sich dabei weder als geradliniger Verlust von Gemeinschaft noch als unaufhaltsamer Fortschritt menschlicher Verbundenheit verstehen. Frühere Gemeinschaften waren nicht frei von Einsamkeit, Abhängigkeit oder Ausgrenzung. Moderne Gesellschaften haben individuelle Freiheit erweitert, aber auch die Aufgabe verschärft, soziale Bindungen unter wechselnden Bedingungen aufrechtzuerhalten. Digitale Netzwerke setzen diese Entwicklung fort, ohne ihre Widersprüche aufzulösen.

Auch die psychologische Forschung liefert keine einfache Entscheidung zwischen technologischem Fortschritt und sozialem Niedergang. Sie zeigt vielmehr, dass die Wirkung digitaler Kommunikation von der Art der Nutzung, der Qualität bestehender Beziehungen, individuellen Voraussetzungen und gesellschaftlichen Bedingungen abhängt. Manche digitalen Interaktionen schaffen Nähe; andere können mit Belastung, Vergleichsdruck oder dem Gefühl mangelnder Zugehörigkeit verbunden sein. Aus diesen unterschiedlichen Befunden lässt sich keine universelle Erzählung ableiten, nach der Technik den Menschen zwangsläufig vereinsamt oder ihn zuverlässig mit anderen verbindet.

Die vielleicht entscheidendere Verschiebung liegt deshalb in unseren Erwartungen. Wenn Menschen jederzeit erreichbar sein können, erscheint Unerreichbarkeit zunehmend erklärungsbedürftig. Wenn Kontakte jederzeit hergestellt werden können, erscheint das Ausbleiben von Kontakt möglicherweise wie eine persönliche Zurückweisung. Wenn soziale Beziehungen sichtbar und vergleichbar werden, wächst die Versuchung, ihren Wert an äußeren Signalen abzulesen.

Doch eine Beziehung ist nicht allein deshalb bedeutsam, weil sie verfügbar ist. Und sie verliert nicht allein deshalb ihren Wert, weil sie digital vermittelt wird. Ihre Bedeutung entsteht in einer Verbindung von Aufmerksamkeit, gegenseitigem Verständnis, Verlässlichkeit und der Möglichkeit, auch dort miteinander zu bestehen, wo Bedürfnisse auseinandergehen.

Damit bleibt ein grundlegender Widerspruch bestehen: Menschen wünschen sich Beziehungen, die Sicherheit bieten, und zugleich die Freiheit, sich jederzeit anders entscheiden zu können. Sie suchen Anerkennung, ohne von ihr abhängig werden zu wollen. Sie wollen gesehen werden, ohne ständig beobachtet zu sein. Digitale Kommunikation macht diese widersprüchlichen Wünsche nicht erst möglich. Sie macht sie jedoch sichtbar, beschleunigt ihre Aushandlung und verleiht ihnen eine technische Dauerpräsenz.

Wenn Nähe jederzeit verfügbar erscheint, verliert sie dann tatsächlich an Bedeutung – oder wird lediglich sichtbar, dass Verfügbarkeit und Verbundenheit niemals dasselbe waren?

Vielleicht ist die digitale Einsamkeit weniger das Ergebnis einer misslungenen Technik als der Ausdruck einer ungelösten menschlichen Spannung. Wir haben die Reichweite unserer Beziehungen erweitert, ohne damit die Unsicherheit beseitigt zu haben, die jeder Beziehung innewohnt. Wir können einander leichter erreichen, aber nicht erzwingen, dass wir einander verstehen. Wir können Kontakte herstellen, aber nicht garantieren, dass daraus Zugehörigkeit entsteht.

Ob die digitale Gesellschaft deshalb eine kältere Form des Zusammenlebens hervorbringt oder lediglich neue Möglichkeiten eröffnet, eine alte menschliche Erfahrung zu bewältigen, bleibt offen. Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung nicht darin, zwischen digitalen und analogen Beziehungen zu entscheiden, sondern darin, zu verstehen, warum wir von Verbindung so viel erwarten – und warum ihre bloße Verfügbarkeit diese Erwartung nicht erfüllt.

Die offene Frage lautet daher nicht nur, ob wir in einer vernetzten Welt einsamer werden. Sie lautet auch, ob wir unter den Bedingungen permanenter Erreichbarkeit noch dieselben Vorstellungen von Nähe, Freiheit und Verbindlichkeit entwickeln können wie unter Bedingungen, in denen Abwesenheit selbstverständlich war.

Quellen & Literatur

Die folgenden Werke und Forschungsarbeiten bieten unterschiedliche Perspektiven auf Einsamkeit, soziale Beziehungen, digitale Kommunikation und die gesellschaftlichen Bedingungen moderner Verbundenheit. Sie sind nicht als Beleg für eine einheitliche These zu verstehen, sondern als Grundlage für eine differenzierte Auseinandersetzung.

  • Bauman, Zygmunt (2000): Liquid Modernity. Polity Press. Eine soziologische Analyse der Veränderlichkeit moderner Lebensverhältnisse, sozialer Bindungen und individueller Freiheit.
  • Turkle, Sherry (2011): Alone Together: Why We Expect More from Technology and Less from Each Other. Basic Books. Eine kritische Untersuchung darüber, wie digitale Technologien Kommunikation, Erwartungen und menschliche Beziehungen verändern.
  • Przybylski, Andrew K.; Murayama, Kou; DeHaan, Cody R.; Gladwell, Valerie (2013): „Motivational, emotional, and behavioral correlates of fear of missing out.“ Computers in Human Behavior, 29(4), 1841–1848. Eine empirische Untersuchung zu den psychologischen und verhaltensbezogenen Zusammenhängen von FOMO.
  • Jeong, Se-Hoon; Hwang, Yoori (2016): „Media Multitasking Effects on Cognitive vs. Attitudinal Outcomes: A Meta-Analysis.“ Human Communication Research, 42(4), 599–618. Eine Metaanalyse zu Zusammenhängen zwischen Medien-Multitasking und kognitiven beziehungsweise einstellungsbezogenen Ergebnissen.
  • Parry, Douglas A.; le Roux, Daniel B. (2019): „Media multitasking and cognitive control: A systematic review of interventions.“ Computers in Human Behavior, 92, 316–327. Ein systematischer Überblick über Forschungsarbeiten zu Medien-Multitasking, kognitiver Kontrolle und möglichen Interventionen.
  • Chen, Huohong et al. (2025): „The relationship between media multitasking and attention: a three-level meta-analysis.“ Current Psychology, 44. Eine Metaanalyse zur Beziehung zwischen Medien-Multitasking und Aufmerksamkeit, die auch die Uneinheitlichkeit der bisherigen Befunde berücksichtigt.
  • „Digital bridges to social connection: A systematic review and meta-analysis of digital interventions for loneliness and social isolation“ (2025): Systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien zu digitalen Interventionen gegen Einsamkeit und soziale Isolation. Die Ergebnisse unterstreichen, dass die Wirksamkeit von der Art der Intervention abhängt und nicht pauschal aus ihrer Digitalität abgeleitet werden kann.

Wissenschaftliche Einordnung: Die Literatur stützt weder die pauschale Behauptung, digitale Kommunikation mache Menschen zwangsläufig einsam, noch die Annahme, technische Vernetzung könne soziale Bedürfnisse unabhängig von ihren konkreten Bedingungen erfüllen. Insbesondere bei Zusammenhängen zwischen Mediennutzung, Aufmerksamkeit und psychischem Wohlbefinden müssen Kausalität, individuelle Unterschiede und die Art der Nutzung berücksichtigt werden. Soziologische Deutungen ergänzen diese empirischen Befunde, sind aber nicht mit experimentell nachgewiesenen Wirkungszusammenhängen gleichzusetzen.


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