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Auf eigenem Kiel nach Danzig, Elbing und ins Frische Haff

Henning Raffel, Undine 109608 S
Henning Raffel, Undine 109608 S

Mehrere Male führte mich der Weg bereits in der Vorwendezeit mit dem Auto in unsere Heimat, die wir im Februar verlassen mussten. Der Gedanke dies Mal mit dem Boot auf dem Wasserweg das Weichseldelta und das Frische Haff zu erleben wurde einerseits dadurch befördert, dass der Weg nunmehr mit stehendem Mast gefahren werden kann, andererseits lockten mich aber auch die Erzählungen der Eltern.

Mit meinem Mitsegler Werner starteten wir am 17. Juni von unserem Clubhafen in Lübeck und erreichten über Warnemünde, wo wir wegen Starkwind 1 Woche festmachen mussten, Stralsund, Lauterbach und nach einer Nachtfahrt Svaneke auf Bornholm. Die zweite Nachtfahrt nach Leba, dem beliebten und geschützten Hafen an der pommerschen Küste, bescherte uns bei achterlichem Wind aus NW und später Süd eine schnelle Reise. Über Großendorf, heute Wladislawowo, dem großen Fischereihafen, erreichten wir Hela am Ende der gleichnamigen Halbinsel.

Am 06.07. ging es quer über die Danziger Bucht, zahlreiche Schiffe lagen auf Reede, deren Ladung für den Hafen in Gdingen bestimmt war, in die Tote Weichsel nach Danzig. Die Ansteuerung war problemlos, Keine spürbare Strömung und wenig Schiffsverkehr. Am Nordufer wurde die Westerplatte sichtbar und rief den Beginn des 2. Weltkrieges in Erinnerung und deren eigentliche Ursache der damals umstrittenen und ungelösten Danzigfrage. Industrie- und Werftanlagen bestimmten das weitere Bild. Wir machten in der modern ausgestatteten Marina Danzig an der Mottlau, gegenüber der noch nicht wiederaufgebauten Speicherinsel, an Schwimmstegen fest. Große exklusive polnische Motor- und Segelyachten neben Yachten aus dem europäischen Ausland bestimmen das Bild.

Natürlich trieb es mich zunächst zu unserem letzten Zuhause nach Danzig-Langfuhr in den Hohenfriedberger Weg, schräg gegenüber von dem heutigen Pilsuldski-Platz. Mit dem Fahrrad über die Grüne Brücke durch die Altstadt über den belebten Langen Markt auf einem sicheren Radweg am Bahnhof vorbei, gelangte ich über die stattliche breite ehemalige Hindenburg-Allee nach Langfuhr. Während im Altstadtzentrum Touristen sich auf die Füße treten, zeichnet sich Langfuhr durch quirliges studentisches Leben und boomende Bautätigkeit aus.

Es war am 23. Februar vor 69 Jahren, ein kalter Wintertag, nachdem wir viele Tage zuvor endlose Flüchtlingstrecks an unserem Haus haben vorbei ziehen sehen, als auch wir uns mit wenigen Koffern und Kollis aufmachten, die Heimat zu verlassen. Ein glücklicher Umstand kam uns zu Hilfe, dass Mutter mit uns drei jüngeren Kindern eine Frachtmaschine, eine Ju 52, besteigen konnte, die uns über das bereits eingeschlossene Danzig (Elbing war bereits gefallen) nach Stolp bringen konnte. Selbst Gespräche bleiben dem Langzeitgedächtnis erhalten: Mutter an unseren Vater (er musste noch dort bleiben wie auch Bruder Gundolf als Flakhelfer). “ Wenn Du das Haus verlässt, vergiss nicht, den Schlüssel zweimal umzudrehen.“

Unser damaliges Zuhause, ein ehemaliges Offizierskasino, das heute als Unikat an die längst verflossene Garnison erinnert, soll dem Anschein nach erhalten bleiben, ist umgeben von modernen neuen Appartementhäusern. An dem Gebäude arbeitende Bauarbeiter erlaubten mir den Zutritt, und ich hatte Gelegenheit, einige flüchtige Innenaufnahmen zu machen. Die Verständigung gestaltete sich nicht einfach, aber als ich dem Bauleiter eine Handskizze unserer damaligen Wohnung präsentierte verstand er mein Anliegen und zeigte sich interessiert.

Nach einem Besuch meiner Volksschule in Hochstriess im Silberhammerweg, heute ul. Srebrniki 10 und bei der Deutschen Minderheit in der Ludwika Warinskiego 36 – man trifft sich jeden Mittwoch um 14.00 Uhr zu einem Kaffee-Nachmittag – legten wir am 14. Juli ab.

Wir passierten den neuen Überseehafen und liefen in das ca. 6 NM östlich gelegen Neuefähr ein, das die Natur sich in einer Winternacht vom 31. Januar zum 1. Februar 1840 über eine gewaltige Anhäufung von Eisschollen selbst geschaffen und die Küstenlinie durchbrochen hat. Erst später wurde das Neufahrwasser zum Schifffahrtsweg ausgebaut. So gelangten wir wieder in die Tote Weichsel, und nach Passieren der Pontonbrücke bei Bohnsack (heute Sobieszewo) und der Schleuse und Klappbrücke bei Einlage (heue Przegalina) mit stehendem Mast in die Weichsel. In Höhe Schönbaum drehten wir in die Elbinger Weichsel ab und erreichten die zweite Schleuse für die wir jeweils 10 Zloty zu entrichten hatten. Kein anderes Schiff weit und breit.

Wiederum gehen mir Erinnerungsbilder durch den Kopf: ein Besuch an einem Sommerwochenende im Jahr 1944 bei unseren Verwandten auf dem Gut in Stüblau am westlichen Ufer der Weichsel gelegen, nur wenige km oberhalb unserer jetzigen Route: die Reise mit der Kleinbahn von Danzig nach Stüblau, dort im Landauer abgeholt, die Besichtigung des Gutshofes, der Geruch von Ledergeschirr in den Remisen und Ammoniak in den Pferdeställen, der Lauf des 6-jährigen vom abschüssigen Deich, den die Beine nicht mehr tragen konnten und der Länge nach hin-schlidderte, hat sich in mein Gedächtnis angebrannt.

Weiter geht´s in die strömungsfreie Elbinger Weichsel bis nach Fischerbabke (heute Rybina), dort wo sich die Königsberger Weichsel nördlich abzweigt. Nachdem wir die geöffnete Eisenbahndrehbrücke passiert haben, machen wir an einem brandneuen Anleger fest und freuen uns über den sicheren Stromanschluss und über das moderne Sanitärgebäude. Auch hier sind wir die einzigen Gäste. Eine aufwendig gepflasterte Straße führt zum 300 m entfernten Kaufmann.

Wir nehmen den südlichen Weg über die Elbinger Weichsel und passieren die nach Bedarf sich öffnende Klappbrücke. Zwar haben wir oberhalb und unterhalb des Schiffes genügend Freiraum, nicht jedoch immer im Wasser, und die Verkrautung durch Schlinggewächse ist recht beachtlich und beeinträchtigt den Lauf des Faltpropellers. Doch Rasmus meint es gut mit uns und schiebt das Schiff zum und ins Frische Haff. Dort nehmen wir den Tonnenweg zur Ansteuerung 74° und im spitzen Winkel 198° in Richtung Elbing. Wir machen an der Stadtseite am Ostufer des Elbingflusses im Sportboothafen fest, der von Pfadfindern geleitet wird. Zwar sind die Sanitäranlagen etwas dürftig aber die Hilfsbereitschaft des Hafenmeisters um so mehr als es darum ging einen passenden Adapter für den Stromanschluss zu basteln.

Elbing, welch vertrauter Klang aus den Erzählungen der Eltern, dort wo beide Großväter als Lehrer viele Jahre gewirkt und ihre letzte Ruhe gefunden haben, wo ich die Oma und Tante mit Vater im Herbst 1944 noch besuchen durfte, die bei der Einnahme Elbings ein so schreckliches Ende gefunden haben, wo Vater seine glücklichsten und prägendsten Jugendjahre verlebte, ist mit dem heutigen Elblag nur wenig zu vergleichen; denn das alte Elbing gibt es nicht mehr und ist nur an wenigen Gebäuden erkennbar, wie z.B. an dem Markttor, an der Katharinenkirche oder an der ehemaligen Hauptkirche zu St. Marien des Dominikanerklosters sowie an den kleinteiligen Grundstücksflächen. Die neu entstandenen Häuser des heutigen Stadtzentrums, fußgängerfreundlich und verkehrsberuhigt, sind den ursprünglichen Häusern nachempfunden.

18.07.: wir legen ab und verlassen den Elbingfluss und steuern mit 18° in den Tonnenweg des Frischen Haffs bis zur Ansteuerungstonne Elblag, dann 60° Tolkemit und Wende nach Kahlberg, dem heutigen Krynica Morska. Es müssen noch viele Treckfahrzeuge auf dem Grund des Frischen Haffs liegen, die im Winter 1945 über das Eis sich hinüber auf die Nehrung retten wollten und von feindlichen Tieffliegern bombardiert wurden und zu Tode kamen. Da das Haff nur eine durchschnittliche Wassertiefe von 3-4 m aufweist, ist es ratsam mit unserem Schiff den Tonnenweg zu achten. Welch ein Unterschied zwischen meinem Besuch in der Vorwendezeit und dem Krynica Morska von heute. Nicht nur der moderne große Sportboothafen – ein neues Sanitärgebäude ist gerade im Bau – und die große ins Auge fallende Piste für GoCards prägen den Ort, sondern auch viele neue Hotels und Restaurants mit Lichteffekten und große Menschenmassen vermitteln den Eindruck in Las Vegas zu sein. Die Seebrücke wird vorrangig für Verbindungen über das Haff nach Tolke mit und Frauenburg genutzt, nicht jedoch von Dampfern aus Elbing angelaufen. Der unverwechselbare bewaldete Nehrungsrücken von Tälern und Höhen durchzogen und der wunderbar feinsandige Strand und die Wanderung zum Leuchtturm, wo Großmutter und Tante ein Wochenendhaus besaßen, ließen die Erzählungen der Eltern lebendig werden.

Auf der bewaldeten Nehrungsstrasse radelten wir nach Neukrug dem heutigen Piaski, bis zur polnisch-russischen Grenze. Hier im beschaulichen Hafen, in dem nur kleine polnische Motor- und Segelboote festgemacht hatten, lernte ich Marian kennen, einen 84-jährigen verwitweten Rentner und Vater von 2 erwachsenen Töchtern, der mit seinem Segelboot hier und in den Häfen des Haffs den Sommer verlebt und in Danzig eine kleine Wohnung hat. die Erklärung für seine akzentfreie und fließende deutsche Sprache: Er komme aus einer deutschen Familie aus Gdingen, das nach dem 1. Weltkrieg an Polen fiel, blieb dort und machte eine Ausbildung zum Elektro Dipl.ing., war im Kraftwerksbau tätig und erhält heute eine Rente von etwa Zl. 1022,- was ca. 250,- € entspricht und auch in Polen angesichts steigender Preise nicht üppig ist. Eine nicht ungewöhnliche Biografie von Menschen, die in den s. Zt. abgetrennten Gebieten nach dem 1. Weltkrieg ihre Heimat nicht verlassen wollten. Hier abseits von dem belebten Kahlberg legten wir einen Badetag ein genossen bei ostpreußischem Hochdruckwetter den wunderbaren Strand und das Meer in vollen Zügen. Da uns der Weg mangels russischem Visum versperrt war, mussten wir den gleichen Weg zurück nehmen, nämlich wieder über die stark verkrautete Elbinger Weichsel und erreichten rechtzeitig die Brückenöffnung von Fischerbabke (Rybina). Aus dem Logbuch: “Morgens Bad in der Elbinger Weichsel bei 24° Wassertemperatur, Eisenbahnbrücke (Drehbrücke 09.20 Uhr), ab dann Verkrautung nimmt ab, Klappbrücke um 11.00 Uhr konnten wir gut erreichen, die dann folgende Schleuse ebenfalls. Begegnung von 2 polnischen Motorbooten. die mächtige breite Weichsel empfing uns mit heftigem Gegenwind; dank hoher großer Strömung von ca. 3 kn. hatten wir unter Motor noch 5 kn. über Grund. Seilfähre Nickelswalde-Schievenhorst problemlos passiert. Eine hohe Welle beim Durchstich und Windstärke von 6-7 Bt. kam uns entgegen. Mit einem Reff im Großsegel konnten wir die Flachs bei nur zwei kleineren Grundberührungen (wegen Sedimentablagerungen beim Weichseldurchstich wird dieser Weg von Seglern gescheut), dann Kurs nach Hela, konnte nicht eingehalten werden; deshalb Kurs 230° – bei einer Wende von 90° nach Hela.“

24.07. Mit Umrundung der Südspitze von Hela verlassen wir die Danziger Bucht und überlassen bei Wind auf NE die Pinne dem Autopiloten und erreichen Leba. Die weiteren Tage schickte uns Rasmus östliche Winde, sodaß wir über Stolpmünde (heute Ustka, ein schönes Städtchen – für Segler jedoch kein Sanitäranlagen), Rügenwalde (Darlowo), Kolberg, Divenow, Swinemünde, Freest, Glowe, Vitte (Hiddensee), Barhöft, Warnemünde und Timmendorf (Insel Poel) wohlbehalten am 10.08. nach 959 NM in unserem Clubhafen in Lübeck anlegen konnten.

Überrascht waren wir über den oft unsinnigen Ausbau von Sportboothäfen mit Fördergeldern der EU, so z.B. den Bau von über 500 m Hafenkante vom Feinsten für Sportboote, bestückt mit unzähligen Trimm-Dich-Geräten in Darlowo, dort wo selbst in der Saison kein Sportboot zu sehen ist oder über brandneue Absauganlagen für Schmutzwasser, die mangels Schläuche und Endstücke unbenutzbar bleiben. Ich denke, hier fehlt eine Gesamtkonzept und die entsprechende Kontrolle über die von der EU finanzierten Projekte; denn auch Polen setzt ja auf den Ausbau von Tourismus und rechnet mit ausländischen Gästen. Ferner ist uns aufgefallen, dass Fremdsprachenkenntnisse bei Menschen die mit ausländischen Gästen zu tun haben gar nicht oder sehr selten vorhanden sind.

Es war eine ereignisreiche Reise, aber nicht nur in die Vergangenheit sondern auch mit vielen menschlichen Begegnungen und neuen Erkenntnissen für die Zukunft, in ein Land der EU, dass nicht nur den Heimatvertriebenen und dort Geborenen eine Reise wert ist, sondern der jüngeren Generation so vertraut werden könnte wie ein Reise nach Oberbayern oder nach Schleswig-Holstein.